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Lernziel: Handeln können (Handlungspädagogik) - ein Vortrag von Peter Guttenhöfer, 2026
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Am 19. Februar 2026 hielt Dr. Guttenhöfer in der neuen freien Waldorfschule Karben einen spannenden und dynamischen Vortrag im Felde der Handlungspädagogik. Es ging um Grundlagen, wie Kinder ins Handeln kommen können.

Transkription des Vortrages vom 19. Februar 2026
+++ dieser Rohtext ist maschinell erstellt und muss noch überarbeitet werden. Gerne kannst du MitTun +++
Begrüßung und Einführung in die Freie Waldorfschule Karben 00:00:25
Maike Lübbert: Herzlich willkommen in der Freien Waldorfschule Karben. Ich freue mich schon lange auf diesen Abend. Denn endlich können wir ja sagen, wir sind so eine Schule. Wir haben nämlich jetzt angefangen, Schule zu sein, seit Ende August dieses Jahr mit einer ersten Klasse. Und vor sieben Jahren hatten wir begonnen, diese Schule zu gründen. Und relativ schon am Anfang hatten wir auch den Peter Guttenhöfer dann in den Waldorfkindergarten Bad Vilbel eingeladen. Da hat er auch schon im Kindergarten einmal einen Vortrag gehalten, dann später auf dem Dottenfelderhof. Also über die Jahre durfte er uns immer wieder begleiten und inspirieren.
Und jetzt ist es endlich soweit, dass wir Schule sind. Und wir sind jetzt sozusagen ein kleines Kollegium auch geworden. Aktuell sind es neun Kinder. Es gibt schon weitere Anmeldungen für die erste Klasse und natürlich auch für die kommende erste Klasse. Und so freue ich mich, dass du jetzt in unserer kleinen Schule zu uns sprechen wirst über die Handlungspädagogik. Und uns damit nochmal gedanklich und auch empfindungsmäßig mit reinnimmst in diesen Impuls, der ja mittlerweile weltweit lebt. Das finde ich ja auch wirklich beachtlich. Es ist jetzt nicht nur ein deutscher Impuls, vielleicht sagst du dazu auch kurz etwas. Also Peter Guttenhöfer ist ja auch nicht mehr ganz jung und reist wirklich um die ganze Welt.
Dr. Peter Guttenhöfer: Sehr jung natürlich.
Maike Lübbert: Und reist um die ganze Welt und inspiriert auch die Menschen, die dann überall an so kleinen Orten so kleine Graswurzelinitiativen haben. Und die Waldorfpädagogik und überhaupt die Pädagogik auf eine ganz besondere Art beleben. Und ich erinnere mich noch an das erste Mal, wo du da warst und hast uns Mut gemacht. Und da hast du gesagt: Fang doch einfach an und übt und sprecht darüber, redet miteinander und übt.
Und genau in diesem Prozess fühlen wir uns, dass wir übende, lernende Menschen sind und versuchen, für die Kinder hier den bestmöglichen Schulort zu kreieren. Für ihre Entwicklung, dass sie sozusagen ihren Lebensweg finden und sich mit allen Elementen verbinden können. Also ich wünsche allen einen guten Abend. Und am Ende wird es auch so eine Fragerunde geben. Und wer dann ganz dringend heim muss, ist auch nicht schlimm, wenn man geht. Und dort ist so ein Körbchen, da darf man auch gerne eine kleine Spende reintun. Und ansonsten wünsche ich einfach viel Vergnügen. Guten Abend.
Die wahre Bedeutung des Wortes "Schule" (Scholé) 00:03:07
Dr. Peter Guttenhöfer: Guten Abend. Also die Maike Lübbert hat gerade davon gesprochen, dass wir hier in einer Schule sind. Das ist zwar noch keine richtige, aber ein Provisorium. Und nun hat man ja die Frage, was Schule eigentlich heißt. Das ist ein griechisches Wort: Scholé. Weiß jemand, was das bedeutet? Ja, das ist interessant. Die ganze Welt benutzt dieses Wort in allen Sprachen. Und fast niemand weiß, was es bedeutet. Außer mir. Also ich weiß es. Ich habe einfach im griechischen Lexikon nachgeguckt. Altgriechisch. Scholé. Was glauben die wohl, was da steht? Vielleicht sowas wie ein Chor?
Zuschauer: Chor?
Dr. Peter Guttenhöfer: Oh, das wäre noch was. Nein, da steht drin: Ort der Muße. Nicht Muse, sondern Muße. Was ist Muße? Das ist das, was die Müßiggänger machen. Muße üben. Also die tun gar nichts. Die Scholé ist der Ort, wo nicht gearbeitet wird. Steht im griechischen Lexikon. Also das ist nicht von mir erfunden. Das war eben vor ungefähr zweieinhalbtausend Jahren. Da gab es eben Jünglinge reicher, adliger Familien in Athen. Und diese Jünglinge, die durften zur Scholé gehen. Das heißt also sowas machen wie Algebra oder Grammatik. Mädchen natürlich nicht.
Und für jeden jungen Mann, der da hinging, musste natürlich irgendjemand arbeiten. Weil man ja ohne Arbeiten auf der Erde nicht leben kann. Das steht schon in der Bibel. Also als Adam und Eva da rausgeworfen wurden aus dem schönen Paradies, war das Erste: "Ja Adam, nimm die Hacke." Brombeeren und Pilze allein bringt es nicht mehr. Können Sie sich erinnern? Sie waren ja übrigens da dabei. Aber Sie erinnern sich natürlich nicht.
Und Sie erinnern sich auch nicht an diese schöne platonische Zeit. Eben die Klassik, die antike Klassik oder die klassische Antike. Und da wurde die Scholé erfunden. Und die hat dann Furore gemacht. Griechenland wurde ja dann kolonisiert von den Römern und irgendwie vereinnahmt. Verschwand auch fast von der Bildfläche. Aber dann in Rom ging es dann weiter mit der Scholé. Und dann können Sie in Rom auch das Millionenheer, die Millionenheere von Sklaven anschauen, wenn Sie mal das Geschichtsbuch aufschlagen. Da gibt es dann also eine Abteilung Menschen, dass die arbeiten und dafür auch nicht bezahlt werden. Und wenn sie dann nicht mehr arbeiten können, weil ihnen die Zähne rausfallen, werden sie totgeschlagen. Das ist übrigens bis heute in manchen, in vielen Gebieten ein bisschen so. Noch ähnlich so. Nicht mehr ganz so ruppig. Ein bisschen als Demokratie verkleidet oder so.
Und dann konnten also diese Herren der Schöpfung Algebra, Grammatik, Astronomie, Musik – das nennt man die sieben freien Künste – studieren. Da kommt das alles her. Vorher gab es noch keine Schulen. Und übrigens, wenn man irgendwo hinfährt, sagen wir mal nach Paraguay, da leben Menschen, die haben sogar das noch als zweite Staatssprache, die sprechen Guaraní. Also nicht Spanisch. Das können die auch. Und diese Guaraní, die sagen: "Kinder gehen doch nicht zur Schule. Die lernen das im Leben. Schule, das kennen wir gar nicht." Und das ist ja nun mit den allermeisten Völkern der Erde so, dass da nie Kinder in die Schule gegangen sind. Seit wann gehen denn Leute hier in Mitteleuropa zur Schule? Also seit vorgestern. Wenn man das historisch sieht. Früher gab es schon alle möglichen Anfänge und so. Und seit wann gehen Mädchen zur Schule? Ja, seit gestern. Und es gibt heute noch Länder, wo es verboten ist, dass Mädchen zur Schule gehen. Habt ihr das gelesen, das Buch von dieser Jungen, die da im Omnibus fast totgeschossen wurde, weil sie mit ihren Freunden zusammen zur Schule gehen wollte? Frauen brauchen doch nicht zur Schule zu gehen.
Also das war dann ein Privileg, zur Schule gehen zu dürfen. In dem werdenden Mitteleuropa, so nach der mittelalterlichen Zeit, in der Neuzeit begann das. Es war zunächst das Privileg eben für die männliche Jugend und dann im 19. Jahrhundert durften auch die Mädchen. Und das Lustige ist, in Deutschland – das ist ja ein sehr spezielles Land, dieses Deutschland, wenn man von außen guckt, ist es richtig komisch – denn in Deutschland ist es ja so, dass sie sogar zur Schule gehen müssen. Früher durften sie, jetzt müssen sie. Und wenn du nicht zur Schule gehst, dann wird die Polizei kommen und dich holen. Deine Eltern kommen ins Gefängnis. Inzwischen gibt es so einen Club von Leuten, die im Gefängnis sitzen, wo andere sparen für die, damit die dann da ihre Ohren kühlen. Damit ein paar Dutzend Kinder in der ganzen Republik gar nicht zur Schule gehen müssen. Das ist verboten.
Es hat sich also da was getan mit diesem Begriff Scholé. Zunächst war das das Privileg der adeligen Söhne und heute ist es die Verpflichtung für jeden. Und zwar mindestens, wie viele Jahre? Mindestens. Und Wehe. Verboten. Das ist schon eine enorme Änderung. Da kann man so ein bisschen dran ablesen, was die Menschheit so für Wege macht. Jetzt sind die Frauen klug geworden. Dann haben sie jetzt inzwischen entdeckt, dass die Frauen klüger sind als die Männer. Also im Schnitt in der Uni und so. Vor 100 Jahren wurden noch Bücher geschrieben, in denen bewiesen wurde, dass Frauen dümmer sind als Männer, weil sie ein kleineres Gehirn haben. Im Schnitt. Also es hat sich sehr schnell geändert und die Männer sind etwas betroffen davon, dass Frauen denken können. Das war doch früher ganz anders. Da haben wir gedacht und die Frauen sind hinter uns hergelaufen. Also das ist auch fast heute noch meistens so, dass wo der Mann hingeht, da läuft die Frau auch. Wo der den Job kriegt, da geht die Frau nach. Ganz selten inzwischen passiert es auch mal, dass die Frau eine gute Anstellung braucht in Hamburg, dann muss der Mann mitkommen, wenn er sie liebt. Ja, das ist sehr modern.
"Lernziel Handelnkönnen" und die Einheitsschule 00:11:47
Dr. Peter Guttenhöfer: Ich bin auf einer Schule Waldorflehrer gewesen, in Kassel. Da gab es einen Menschen, der ungefähr so frech war wie ich. Der hieß Erhard Fucke. Der hat auch ein Buch darüber geschrieben. Das traue ich mich nicht. "Lernziel Handelnkönnen". Das wurde mal im Insel Verlag als kleines Taschenbuch verlegt. Beim Insel Verlag, da war irgendein anthroposophiefreundlicher Redakteur oder so. Da gab es eine Reihe anthroposophischer Bücher. Unter anderem Erhard Fucke: "Lernziel Handelnkönnen". Was soll denn eigentlich sonst das Lernziel einer Schule sein, als dass man, wenn man dann erwachsen ist, so mit 18, handeln kann? Dieses Buch ist von fast niemandem gelesen worden, natürlich. Bei Ihnen auch 100% unbekannt. In der Waldorfbewegung 100% unbekannt.
Steiner hat auch schon mal so Vorträge gehalten. Also der Rudolf. Bevor die Schule gegründet war, hat er drei Vorträge über Volkspädagogik gehalten. Im Zuge der Dreigliederungskampagne. Da ging es darum, nach diesem Ersten Weltkrieg, also dem ersten Drittel des Weltkriegs – das kommt auf uns an jetzt. Damals musste die ganze Gesellschaft umgebaut werden. Das haben ja alle gefühlt. Die Kommunisten, die Nationalsozialisten und die Nationalen. Und unter anderem auch Steiner mit den Dreigliederern. Und im Zuge dieser politischen Kampagne wurde klar: Es geht eigentlich um Erziehung. Das muss bei den Kleinen ja schon beginnen. Und daraus erfolgte dann später im Waldorf-Lehrplan: Jeder Achtklässler der Waldorfschule sollte in die Grundzüge des dreigliedrigen sozialen Organismus eingeweiht sein. Das findet natürlich an den derzeit vorhandenen Waldorfschulen fast gar nicht statt. Weil die Lehrer sich ja auch selber nichts davon verstehen. Oder zu wenig, oder nur ein bisschen und sich nicht trauen. Das hat Steiner also vor 107 Jahren gesagt.
Und in diesen volkspädagogischen Vorträgen schildert er die Schule, wie er sie sich wirklich gedacht hat. Das will ich jetzt nicht alles wiederholen, das müssen Sie lesen. Das gibt es als kleines Bändchen, kann man bei Booklooker für 30 Cent kaufen. Sehr interessant. Auch in der Waldorfbewegung fast nicht gelesen. Dieser Erhard Fucke hat mir das, als ich junger Kollege dort war, in die Hand gegeben und gesagt: "Lies das, Peter. Das sind die drei Vorträge, denen gegenüber die Waldorflehrer am untreuesten sind." Die werden einfach nicht gelesen. Da steht also drin, der Begriff Einheitsschule. Mit Einheitsschule meinte er, es sollen alle Menschen, männlich, weiblich, groß und klein, dumm und klug, reich und arm, schwarz und weiß, in dieselbe Schule, in dieselbe Klasse, zusammen sein. Und zwar die ganze Schulzeit. So etwas wie das Gymnasium, sagte er damals, wird es in wenigen Jahren schon nicht mehr geben. Was für Träume.
Auch Gerald Hüther, der da zitiert wird, hat auch das vor ein paar Jahren mal im Fernsehen gesagt. So etwas wie Gymnasium, das wird es in wenigen Jahren nicht mehr geben. Überhaupt werden die Kinder die Schule von innen her zerstören. Dann habe ich ihm gesagt, ich kenne den: "Die Kinder werden zerstört." Kinder sind schwach, Kinder sind empfindlich. Und so ein Mensch, man muss sich mal das Format von so einem Mann angucken, wie der so ein kleines Flöhchen... Das Flöhchen hat keine Chance. Die Schulen machen die Kinder kaputt. Die Kinder können die Schule nicht verändern. Das ist die Tragödie, dass die Schule nicht von unten her verändert werden kann. Nicht von den Kindern.
Dieser Erhard Fucke hat in Kassel – das ist jetzt eine der ältesten Waldorfschulen, die ist schon 1929 gegründet worden – eingeführt: die Berufsbildung an der Oberstufe. Man kann also dort, heute ist es so, ab der Klasse 10 neben dem allgemeinen Unterricht eine Berufsbildung durchlaufen. Elektrowerkstatt, Metallwerkstatt, Holzwerkstatt, Schneiderei ist im Laufe der Jahre aufgebaut worden, sodass man da mehrere Berufe lernen kann. Und dann kann man noch eine Doppelqualifikation machen, indem man das Abitur noch obendrauf packt. Dann hat man einen Gesellenbrief schon in der Tasche und die allgemeine Hochschulreife. Also das war für mich sehr attraktiv, deswegen bin ich zu der Schule gegangen, als Lehrer. Ich bin kein Handwerker, ich habe von den Sachen keine Ahnung, aber ich habe irgendwie gemerkt, das ist interessant. Weil ich mir geschworen hatte: "Lehrer wirst du nie, wegen meiner Lehrer."
Dann war ich plötzlich Lehrer. Und der Fucke hat gesagt: "Jetzt gehst du in die Werkstatt und machst mit den Meistern und den Betriebsgesellen" – wir hatten noch so ein paar ältere Leute, die da so ein bisschen Produktion gemacht haben – "mit denen machst du jetzt Kunstgeschichte." Da habe ich gesagt: "Kann ich nicht, deren Sprache spreche ich gar nicht. Interessieren die sich dafür?" – "Ja, natürlich nicht, das musst du üben. Du kannst das nicht, die wissen gar nicht, worum es geht. Außerdem ist eigentlich auch keine Zeit, die müssen ja arbeiten." Diese Werkstätten mussten sich selbst wirtschaftlich tragen. Das habe ich nicht gemacht, das bereue ich heute. Ich habe einfach Angst gehabt. Das sind die Akademiker, die bleiben immer unter sich. Weil die ja die Gebildeten sind, die Klugen, die mit der Arbeiterschaft keine Berührung haben. Ist doch so, auch heute noch.
Entfremdung von der Arbeit und der Natur 00:18:52
Dr. Peter Guttenhöfer: Ja, das ist eben so in der ganzen Welt, dass es da sowas gibt wie die Kultur, und dann gibt es noch Gegenden, wo keine Kultur ist. Das ist auf dem Land. Also die Kultur in der Stadt besteht aus Museum, Gymnasium, Grand Opéra, Bibliothek. Das ist die Kultur. Das Theater, das Museum, Büchereien. Aber das gibt es alles auf dem Land nicht. Auf dem Land sind die, die auf dem Land arbeiten. Und die haben auch keine Zeit, Bücher zu lesen. Das sind die Illiteraten, und zu Steiners Zeit noch schickten die ihre Kinder in die Arbeiterschulen. Und nicht aufs Gymnasium. Damals gingen 1,5% der Bevölkerung aufs Gymnasium. Heute gehen über 50% aufs Gymnasium. Es ist vollständig anders geworden.
Außerdem waren damals, als die Waldorfschule gegründet wurde im Jahr 1919, ungefähr – man weiß das nicht so genau, aber ungefähr 80% aller Menschen in Deutschland noch in Lebensumständen, die man dörflich nennen könnte. Also gingen um mit Tieren, mit Ofenheizen, große Wege zurücklegen. Da waren noch nicht überall Omnibusse und Straßenbahnen und so weiter. Die Elektrifizierung begann ja eigentlich erst so richtig nach dem Zweiten Weltkrieg. Bis in die Dörfer hinein und so weiter. Heute arbeitet unter 1% der Bevölkerung in der Landwirtschaft. In Wirklichkeit machen das inzwischen die Roboter. Landwirte finden auch keine Nachfolger für ihre Höfe, landauf, landab. Damals arbeiteten zwischen 50 und 60% aller Menschen in der Landwirtschaft. Ist Ihnen das deutlich? Also die Lebensumstände haben sich in diesen 100 Jahren komplett verändert. Und das hat natürlich große Folgen nicht nur wirtschaftlich oder politisch, sondern für jeden einzelnen Menschen.
Gibt es da eine Frage im Moment? Irgendwie möchte jemand was dazu sagen? Ja, alle lieben immer das dialogische Prinzip. Ich auch, aber das ist gar nicht so leicht mit dem Dialog. Gut, dann rede ich erstmal weiter.
Schulrealität und die Sehnsucht nach Schwere 00:22:22
Dr. Peter Guttenhöfer: Ich war also Lehrer an dieser Schule, an der Oberstufe hauptsächlich, und habe diese Kinderchen da immer angeguckt. Das waren 40 Stück, und ich war da allein. Damals war das noch so. Ich war am Anfang in einer 9. Klasse mit 40 Buben. Also da waren zwei Drittel Jungs, ein Drittel Mädchen. Da war was los. Es war schwer, sehr, sehr schwer. Und die waren grausam. Unglaublich grausam. Also der Lehrerberuf ist heute der gefährlichste Beruf in der Republik. Wissen Sie das? Das sind die krankesten Menschen. Durchschnittlich. Und die, die sich am frühesten pensionieren lassen wollen. Das sind die Lehrer. Es ist richtig gefährlich. Also Bergbau, Bleibergwerk ist nicht so gefährlich wie 9. Klasse mit 40 Jungs. Ich meine, was man dann so fühlt im Herzen, wie man sich dann manchmal so fühlt zu Hause, wenn man so richtig gescheitert ist – so fängt das Lehrerleben an.
Gott sei Dank wurde das dann ein bisschen besser mit der Zeit, und man konnte dann mehr seine Aufmerksamkeit auf die Schüler selber lenken. Wie sind die eigentlich? Was wollen die eigentlich? Bei den Jungs ist es so, in der 9. Klasse verstecken die sich da so gerne. Also die Haare bis hier, oder eine Mütze, die auch während des Unterrichts nicht abgenommen wird, dann sitzen sie den ganzen Unterricht so da. "Wieso? Ich habe ja wohl das Recht, meine Mütze aufzubehalten." Darüber wurde unendlich gestritten. Mädchen fingen an zu stricken, Jungs hinter der Mütze. Über das Stricken haben wir uns, glaube ich, in der Kasseler Schule 10 Jahre lang unterhalten. Ist das nun erlaubt? Der Französischlehrer hat gesagt, es ist prima, wenn die stricken, dann passen sie besser auf und schwatzen nicht so viel. Andere haben gesagt: "Wenn du strickst, kannst du nicht wirklich aufmerksam zuhören. Wer soll das jetzt feststellen und wer hat Recht?" Also Lehrer unter sich sind die Schlimmsten.
Dann habe ich mich gefragt, was wollen die eigentlich wirklich? Ich meine im Leben, nicht jetzt nur in dem Unterricht. Man konnte deutlich fühlen, in die Schule gehen wollten sie eigentlich nicht. Sie kamen nur wegen der Schulpflicht und wegen der Eltern. Und bei den Eltern ist es im Wesentlichen die Angst. Nicht der Bildungsdurst. Und dann war das eine Frage, die sich jetzt vertieft hat und erweitert hat. Was will eigentlich der Mensch überhaupt auf der Erde? Wozu bist du eigentlich überhaupt da? Ich meine, kannst du dich erinnern an den Entschluss, den du gefasst hast, aus dem heraus du dich einmal inkarniert hast? Die meisten von uns können das nicht. Es gibt solche. Also wir haben das vergessen. Wir haben ja auch unsere Geburt vergessen und die Schwangerschaft vergessen und eigentlich die ersten drei Lebensjahre vergessen. Das gehört zur Menschheit dazu. Das ist irgendwo im Dunkel. Aber wir waren da schon da. Und wir haben gerade in den ersten drei Jahren hundertmal so viel gelernt wie in allen darauffolgenden Jahren. Das Wesentliche zum Menschsein. Nämlich Gehen, Sprechen und Denken. Alles was wir danach lernen, ist schon irgendwie abgeleitet. Sekundär.
Dann habe ich mir mal gesagt – also das habe ich dann gelesen bei Steiner, der manchmal sehr witzige Sachen gesagt hat: "Warum wird der Mensch überhaupt geboren? Aus Sehnsucht nach Schwere." Und da hat mich nicht so sehr das Wort Schwere berührt, als das Wort Sehnsucht. Eine Sehnsucht führt uns hierher. Und ich habe ja in Anbetracht meiner Schüler zugucken können, was Sehnsucht ist. Neuntklässler, Zehntklässler brennen vor Sehnsucht. Sie dürfen es nur nicht zeigen. Erwachsene mögen das nicht. Wenn die zu sehr Sehnsucht haben. Also fällt das im Unterricht aus: aus dem Fenster gucken. Da draußen ist das Erleben. Und hier ist überhaupt kein Leben. Sehnsucht. Und das brennt in der Brust. Und der Lehrer redet da vorne. So wie ich jetzt hier. Und ich habe eigentlich gar nicht gehört, was er gesagt hat. "Kannst du mal eben wiederholen, was ich gerade gesagt habe?"
Sehnsucht nach Schwere heißt Sehnsucht nach der Erde. Denn Erde heißt Schwere. In erster Linie. Dann könnte man sagen, gut, über diese Schwere können wir noch nachdenken. Ist ja für die Physiker auch das große Rätsel des ganzen Universums. Wie kommt es zur Schwere? Zur Schwere gehört auch noch dazu die Dichte und die Reibung. Das muss dicht sein. Hoffentlich. Also verstehen Sie, wenn es hier nicht dicht wäre, würden wir da irgendwie alle in den Sumpf fallen. Da muss ein Stahlträger sein oder Steine, Felsen. Mineralisiertes Zeug. Nicht Wasser. Und Reibung. Also dass das hier nicht glitscht. Die Schuhe haben wir extra noch so geriffelt. Die Schuhe, damit es mehr reibt. Das ist entscheidend. Dichte, Reibung und Schwere. Und danach sehnen sich die Geister, die Menschen werden wollen. Das sieht man auch, wenn sie auf die Erde kommen. Wie die sich da reinwerfen. Und wie sie dann, wenn sie gehen lernen, den Zauber der Schwere erleben. Und dass man sich im Schwerefeld aufrichten kann. Mit Füßen, die noch gar nicht richtig laufen können. Und die Begeisterung. Und auch die Begeisterung von Mama und Papa. Dann zuzugucken: "Jetzt läuft er endlich." Und so.
Form follows function: Wie Füße und Gehirn entstehen 00:30:03
Dr. Peter Guttenhöfer: Jetzt kann man noch beobachten, wie normalerweise heute moderne Eltern mit ihren Kindern umgehen, wenn sie Laufen gelernt haben. Was machen sie mit besonderer Leidenschaft? Sie kaufen einen Roller. Irgendwas, was rollt. Da gibt es diese kleinen mit zwei Rädern vorne, einer hinten. Und so eine Tülle. Da kann man so einen Stock reinschieben. Da kann Papa sein Kind spazieren schieben. Da sieht man also samstags diese Spaziergänge überall. Mama und Papa gehen. Papa hat vielleicht auch noch einen hier oben. Die Kinder rollen. Alle rollen. Von klein auf. Und das geht dann bis 90. Wo die Alten, so wie ich, nochmal einen Führerschein verlangen. Wir wollen rollen. Das ist das Menschenrecht Nummer 1. Und ganz klar, was dabei herauskommt, wenn der Papa sein Kind spazieren schiebt, dabei heraus kommen Plattfüße. Das ist eine Attacke gegen Füße.
So ein Fußboden übrigens ist auch das Schlimmste, was man einem Kinderfuß antun kann. Der ist auch nicht wegen der Kinder hier, sondern wegen uns. Also der billigen Reinigungskräfte. Kinder haben nicht das leiseste Interesse an so einem toten Zeug. Also die Füße der Kinder. Wenn ich jetzt frage, was wollen die wirklich, dann wollen sie auf unebenem Boden gehen, der in der Temperatur ständig wechselt, wo Steinchen sind und pieksiges Zeug und Matsch und Sand und Vielfalt. Jeder Schritt ein anderes Erlebnis. Das bildet Füße. Wie viel Prozent der deutschen Füße sind Plattfüße und Senkfüße? 75 Prozent. Fast alle Füße sind gar keine Füße. Sie sehen aus wie Füße, taugen aber gar nicht mehr als Füße. Wie weit geht heute ein Mensch noch freiwillig? Ein Kilometer? Zur Straße mal ein Kilometer? Da beschwert man sich schon, dass da keine Haltestelle ist. Und dann kommen die Eltern und fahren ihre Kinder bis vor die Schultür. Dann kommt mal ein Waldorflehrer an: "Könnt ihr nicht wenigstens bei dem Parkplatz... dass das Kind wenigstens 200 Meter geht am Tag? Und 200 Meter nochmal, das wäre schon 400. Das ist schon gut für die Füße." So geht das. Habe ich recht? Der Waldorflehrer nickt, der weiß das. Man beobachtet das. Man kennt ja seine Eltern nach ein paar Jahrzehnten, was da so los ist. Und dann gibt es auch noch einen Fahrstuhl. Das ist natürlich gut für das arme Rollstuhlfahrerchen. Aber verstehen Sie, man muss die Treppen hochgehen, damit da Muskeln sich bilden. Kurz gesagt, du kannst nicht sagen: "Ich habe Muskeln, deswegen kann ich mich bewegen." Was musst du wirklich sagen, wenn du ein denkender Mensch bist? Die Kausalität ist anders. Wenn ich mich bewegen kann, wenn ich Dinge machen kann in meinem Körper, dann brauche ich die Muskulatur. Das ist meine These. Das ist keine These, das ist die andere Hälfte der Wahrheit. Natürlich kann man sagen: "Wie gut, dass ich zwei Füße habe, deswegen kann ich mit den zwei Füßen laufen." Mit einem wäre es nicht so gut. Aber die Realität ist, dass du die Füße hast, weil du diese selber gebaut hast, weil du nämlich ein gehendes Wesen bist. Dieser Entschluss vor der Geburt, der war nämlich so: "Ich will gehen." Ich will ja nicht ein Fisch sein, der im Wasser schwimmt. Ich will gehen. Die Füße hast du, weil du gehst. Und wenn du nicht gehst, hast du auch keine Füße. Das ist die Statistik der Orthopäden.
Sehen Sie das? Das ist nicht übertrieben. Wenn Sie einen Muskel für sechs Wochen stilllegen, wegen Gips oder so, was macht der Muskel? Verschwindet. Sie können gar nicht sagen, "Ich habe Muskeln." Das ist falsch. Sie sind dauernd dabei, Muskeln herzustellen. Und wenn Sie das Herstellen nachlassen, dann verschwindet der, dann geht er weg, der Muskel. Jedenfalls die großen Bewegungsmuskeln. Verschwinden. Und da sehen Sie ein Prinzip, das heißt: Form follows Function. Erst die Funktion, dann das Organ. Die Kinder bilden ihre Organe selber. Der Fuß bildet sich durch das Gehen. Und das Auge bildet sich durch das Sehen. Weil du siehst, deswegen hast du ein Auge. Du kannst nicht sagen, "Ich habe doch Augen zum Sehen." Das steht sogar schon in der Bibel. "Wer Ohren hat zu hören, der höre." Denn wenn du nicht hörst, dann hast du auch keine Ohren. Das hat er leider nicht dazu gesagt. Das hätte er noch sagen können. Aber Jesus hat ja sowieso nicht immer alles gesagt. Nur so kleine Gleichnisse gegeben.
Weil du ein Seher bist, hast du Augen. Und weil du denken willst, deswegen hast du ein Gehirn. Das hat der Steiner in seinen pädagogischen Vorträgen bestimmt 200 Mal gesagt. Das Kind bildet sich sein Gehirn selber. Lieber Lehrer, bilde dir nicht ein, du könntest an dem Gehirn von diesem irgendwas machen. Du könntest ihm irgendwas beibringen. Das ist gar nicht deine Aufgabe. Was ist die Aufgabe? Die Aufgabe ist, du sollst das Rätsel des Kindes lösen. Das ist deine Aufgabe. Und lass das zu meinen, du könntest irgendwie Geist an das Kind herantragen. Was ich jetzt sage, ist alles im Verhältnis zu dem, wie Steiner gesprochen hat, geradezu harmlos. Wenn du nicht von Anfang an dich auf diesen Standpunkt stellst, dass du der Lehrling deines Schülers bist, dann gib es gleich auf. Werde nie Lehrer. Dein eigentlicher Lehrer ist das Kind. Das heißt, betrachte es. Versuche zu verstehen, wer das ist. Und wenn er sagt, ich heiße Franz, weißt du noch nicht, wer das ist. Wir wissen überhaupt voneinander fast überhaupt nicht, wer wir wirklich sind. Und je besser wir einen Menschen kennen, wenn wir mit dem 50 Jahre verheiratet sind, dann kennen wir ihn ja nicht noch besser, sondern dann wird er immer tiefer und der Abgrund wird immer schwindelerregender. Kennen Sie das auch so von Büchner, Georg Büchner? "Jeder Mensch ist ein Abgrund. Es schwindelt einem, wenn man hinabschaut." Ist das nicht toll? Dazu ist man dann 50 Jahre verheiratet, damit man mal in diesen Abgrund – vielleicht ist der Abgrund auch da – hineinschaut. Sonst ist alles oberflächlich.
Die verborgene Infrastruktur und Entfremdung von der Realität 00:38:17
Dr. Peter Guttenhöfer: Eins muss ich noch sagen. Ein bisschen darf ich noch. Wenn wir jetzt mal so ein richtiges Schulhaus, was ihr jetzt dann da bauen werdet, das kann man ja schon sehen, wie das wird, da wird es zum Beispiel so sein, dass an der Wand irgendwo ein Knopf ist, also hier zum Beispiel, und da drückt man drauf und dann passiert was. Das kennen die Kinder kaum. Sie können das schon bedienen, weil sie das einfach nachmachen, aber sie wissen nicht, was sie machen. Und wenn man jetzt die Mama betrachtet, die das auch macht und sich fragt: "Weiß denn eigentlich die Mama, was sie macht?" Muss man sagen, viel mehr als das Baby weiß sie auch nicht. Also wo das jetzt herkommt, wie das jetzt hell wird, da müsste wahrscheinlich irgendwo so eine Leitung liegen, die dann da... also das könnten wir jetzt mal abschrauben, dann würden wir das irgendwo sehen, dass das Leuchtende für uns von allen versteckt ist. Warum verstecken wir das eigentlich? Alle elektrischen Leitungen, alle Wasserleitungen, alle Rohre, alle Gasleitungen, Ölleitungen, alle Telefonleitungen, alles versteckt, damit niemand irgendwas sieht. Was ist das eigentlich für eine Leidenschaft? Das kostet auch richtig Geld. Also dieses Glasfaser verlegen, die ganze Republik mehrmals umgraben, um Glasfaser zu verlegen, für die Nullität schlechthin. Was ist das für eine Leidenschaft? Wir wollen es irgendwie vergessen.
Das Kraftwerk, was das hier leitet, das wissen wir auch nicht, wo das liegt. Wir wissen auch nicht, ob es mit Öl oder mit Wasser oder mit Atomkraft läuft. Und dann sagen wir: "Die bösen Franzosen mit ihren Atomkraftwerken, wir sind atomfrei", aber wo das herkommt, wissen wir auch nicht. Das Öl kommt vielleicht aus Venezuela und da sind 10.000 Leute beschäftigt, damit da Öl ist. Wo ist eigentlich die Heizung? Also wieso ist es eigentlich warm? Wo ist die Wasserleitung? Nichts. Die Kinder wachsen auf, werden 20 Jahre alt, haben noch nie richtig verstanden, wieso es eigentlich warm wird. Die haben dann in der Oberstufe noch mal Physik. Und das ist eben so, wenn die Leute heute das Wort – also nicht ihr natürlich, die anderen alle – wenn die das Wort Physik hören, dann denken sie an eine Schulstunde oder an ein Physikbuch, ein Fach. Physik ist aber kein Fach. Physik ist die Welt, die Erde. Das ist Physik. Auch ein altes griechisches Wort.
Also der ganze Energiestrom, diese ungeheuren Energieströme, die da fließen, um uns am Heizen, um am Leben zu erhalten, werden versteckt. Auch in den Rechnungen wird das dann versteckt. Dass man nie genau weiß, was bezahle ich eigentlich dafür, für die Elektrorechnung, was pauschalisiert ist und so. Das heißt, die jugendlichen, die heranwachsenden Menschen leben in der Illusion: "Das ist eben hell." Ich schätze, dass 98% aller Schüler der Welt unter Kunstlicht sitzen, von morgens um 8 bis nachmittags um 5. Die Schulen, wo immer du hinkommst, in den Tropen, wo es hell ist, in Argentinien, in Russland, wo es dunkel ist oder am Nordpol, immer elektrisches Licht. Als hätten wir zu viel davon oder sagen wir, reichlich oder so. Das heißt, man vergisst es völlig. Man drückt es in eine Art kollektives Unterbewusstsein, wie beim Klo. Ich ziehe und es macht "brrr" und ist weg. Und ich brauche nicht daran zu denken, wer macht das da, wo landet das eigentlich? Wer macht eigentlich da was da? Jetzt habe ich alles vergessen und ich lebe souverän, frei. Verstehen Sie mich? Das ist Antipädagogik. Praktizierte Zerstörung des Bewusstseins. Leugnung der Wirklichkeit. Habe ich recht? Jetzt sagen Sie mir ehrlich, ist das übertrieben, was ich sage? Bisschen oder sehr?
Zuschauer: Ich finde schon, dass es überspitzt ist. Aber anschaulich. Es ist anschaulich. Es ist auch durchaus etwas, was einem einen Denkimpuls gibt. Ich würde es nicht gern so schwarz-weiß malen. Es gibt trotzdem die Möglichkeit, sich mit genau diesen Dingen zusammenhängend auseinanderzusetzen. Wenn man es in der Praxis sieht, weil sie aufgrund von räumlichen Themen, kulturellen Themen usw. möglicherweise nicht mehr so sichtbar sind in der Gesellschaft.
Dr. Peter Guttenhöfer: Sehr gut. Das hat mit der Kultur zu tun, da
n Sie die Kultur und das andere ist die Unkultur. Das sind die unterentwickelten Länder.
Zuschauer: Es gibt unterschiedliche Kulturen. Ich spreche hier von Hochkulturen. Es gibt Prägungen, die unterschiedlich ausgeprägt sind.
Dr. Peter Guttenhöfer: Sind Sie ganz sicher? Sie können sich als Erwachsener damit beschäftigen, aber nicht als siebenjähriges Kind. Es gibt gar nichts zu fragen: "Mama, wo kommt eigentlich diese Helligkeit her?" Und das Dumme ist, wenn sie die Mama fragt, dann weiß die Mama das selber auch nicht. Weil sie von Elektrizität nichts versteht, weil sie nicht weiß, wo das Kraftwerk ist und weil sie sich damit gar nicht beschäftigt. Die kann man nicht fragen. Habe ich recht? Alle Anwesenden ausgenommen, aber viele. Ja, das ist überhaupt mit der Elektrizität ziemlich schwierig. Das sagen ja die Physiker selber, dass man eigentlich nicht ganz genau weiß, was das ist. Man kann das irgendwie beschreiben, was es für Wirkungen hat, aber was das für ein Wesen ist, wenn man diese lichtsaugenden Paneele da so hinlegt und dann tut man das Sonnenlicht in Kunstlicht verwandeln. Was macht man da eigentlich? Genau. Das ist jetzt die Lösung. Und jetzt haben wir sozusagen den Höhepunkt, vielen Dank für die Vorlage, das nennt man Unverbundenheit. Mit-Nicht-Verbundenheit. Ich habe mich mit nichts verbunden, was mein eigentliches Leben ausmacht.
Das Klassenzimmer, fehlende Naturreiche und die Einsamkeit 00:46:22
Dr. Peter Guttenhöfer: Jetzt gehen wir mal noch ein bisschen tiefer. Die Erde mit ihrer Schwere und der Dichte und der Reibung, die besteht aus vier Elementen. Das Reich des Festen, das Reich des Flüssigen, das Luftige und die Wärme, das Licht. Das sind diese alten Elemente. Und der menschliche Leib ist auch daraus gebaut. Und dann könnte man doch sagen, da gibt es jetzt die Naturreiche, die Steine, die Pflanzen, die Tiere und als eigenes Reich die Menschen. Das ist die ganze Erde. Einverstanden? Mehr gibt es nicht. Was gibt es denn noch? Wir sprechen jetzt nicht über Engel und Erzengel oder so. Erde meine ich, was Erde ist. Das ist ein Planet.
Zuschauer: Pilze.
Dr. Peter Guttenhöfer: Aber die bilden nicht ein eigenes Reich wie das Mineralreich. Tierreich, Mineralreich, Pflanzenreich, Tierreich. Die gehören zum Pflanzenreich. Das Pflanzenreich in sich ist auch noch mal in vieles geteilt. Es gibt auch Übergänge zwischen Tier und Pflanze. Vieles, vieles, aber im Wesentlichen nicht.
Und jetzt schauen Sie mal in das Klassenzimmer. Ein anständiges, gut gebautes, schönes Klassenzimmer. Nicht so ein Provisorium. Da gibt es keinen Boden. Das ist kein Boden. Keine Pflanze? Nein. Die werden künstlich am Leben erhalten. Ein bisschen was dazu gießt, die sind längst tot. Keine Tiere? Na hoffentlich. So Ameisenstraßen, das findet man manchmal in den Tropen. Am Wochenende plötzlich hat sich eine Ameisenstraße gebildet. Um Gottes Willen. Und wenn eine Fliege, eine Wespe in eine 8. Klasse fliegt, was glauben Sie, was da los ist? Können Sie den Unterricht schließen? Das ist alles vollständig außerhalb. Das heißt, da wird ein perfekter Raum hergestellt, wo die vier Elemente und die drei Naturreiche nicht anwesend sind. Warum? Zu welchem Zweck?
Nun ist die Frage, worüber denkt man dann nach? Wäre es nicht gut, man hätte noch eine Gelegenheit, die auch irgendwann mal kennenzulernen? Deswegen ist man ja eigentlich gekommen auf die Erde. Weil Erde eben heißt Boden, Pflanzen, Tiere. Und man wird schwer behindert daran. Gehindert. Von der Zivilisation, wie sie heute bei uns ist. Und die sich jetzt über die ganze Erde weiter ausbreitet. Habe ich recht? Und da sitzen die dann, jetzt kommt ja auch noch die Ganztagsschule, weltweit wird das auch bei uns zwangsweise eingeführt, von 8 bis 17 Uhr. Das heißt, in so Ländern wie uns, im Winter, von Aufgang der Sonne bis Untergang der Sonne, sitzt man in dem Zimmer. Und dann darf man mal davon eine Pause machen. Früher hat man eine Pause gemacht, vom Laufen, vom Arbeiten, von der Schwerheit, hat man sich mal hingesetzt und mal verschnauft. Heute muss man eine Pause machen vom Sitzen. Als Schüler. "Jetzt dürft ihr mal weglaufen und eine Viertelstunde laufen." Weil man ahnt, dass die Füße doch ein bisschen was auch noch brauchen.
So, das können wir jetzt abrunden. Jetzt wissen wir, was Scholé bedeutet. Man zieht sich raus aus dem Arbeitsstrom, das überlässt man den Sklaven und den Frauen. Macht Geometrie und Algebra und wird dadurch klug. Eine Fähigkeit wird jetzt ausgebildet. Die nennt man Denken. Rationales Denken. Das Zeitalter der Entwicklung des rationalen Denkens habe ich jetzt sozusagen geschildert. Seit etwa 2500 Jahren geht das. In der Anthroposophie nennen wir das Ausbildung der Verstandesseele. Die Verstandesseele wird kultiviert. Und um der Verstandesseele willen, muss ich mich aus dem Empfindungs- und Wahrnehmungsleben und dem Gekrabbel und Gekribbel aller dieser Naturreiche so intensiv wie möglich herausziehen, dann kann ich mich konzentrieren.
So haben wir es also erreicht, dass die Jugend, die Kinder kommen ja heute schon in den Kindergarten oder in die Kinderkrippe, also manche schon im ersten Lebensjahr, dass die gesamte Kindheit und Jugendzeit verbracht wird, ohne Berührung mit dem, was Erde ist. Ganz geringfügig, in den Ferien, vielleicht am Wochenende, bei Oma auf dem Hof, wenn es das noch gibt. In riesigen Städten, wo ich zum Beispiel aufgewachsen bin, bin ich nie aus der Stadt rausgekommen, bis ich zwölf war. Arme Leute, Großstadt. Und das heißt, man kennt die Erde gar nicht. Man weiß nicht, wo man ist. Das nennt man Entfremdung. Man ist vollständig fremd auf dem Planeten.
Ein Letztes will ich noch sagen, wir sprechen ja doch so gerne von Verantwortung. Wir haben die Verantwortung. Was ist eigentlich Verantwortung? Das heißt, ich antworte auf etwas. Dazu muss aber auch eine Frage gestellt werden. Denn es wäre komisch, ich würde einfach antworten, ohne dass mich jemand was gefragt hat. Es wäre genauso komisch, oder auch schon ein bisschen unheimlich, es würde mich jemand fragen und ich antworte nicht. Das ist sehr unhöflich. Irgendwie gehört das zusammen, die Frage und die Antwort. Das ist die Grundlage für Verantwortung. Ein Schüler, der auf eine normale Schule geht, heutzutage hier, und dann Abitur macht und dann vielleicht noch auf die Universität geht, kann also 25 Jahre alt werden und hat nicht eine Minute lang für irgendetwas Verantwortung gehabt. Da könnte man jetzt sehr viel dazu sagen. Nicht, dass ich Verantwortung übernehme: "Mein Nachbar ist krank, ich kümmere mich um ihn." Oder: "Der Lehrer fällt vorne in Ohnmacht, dann lassen wir den nicht einfach da liegen." Aber eigentlich, im Wesentlichen, ist mir der Lehrer wie als Schüler unglaublich egal. Ich weiß auch gar nicht, wie der lebt. Das interessiert mich fast immer so.
Das spürt man auch als Lehrer. Das macht ja die Einsamkeit der Lehrer in den Schulen heute aus, worüber sie alle sprechen. In der Fülle des Schultrubels bist du einsam, so wie die Bauern auch von der Einsamkeit sprechen. Wir hatten gerade im Goetheanum eine Weltlandwirtschaftstagung. Da war ich auch. Da war das Thema Einsamkeit. Die Ärzte in ihren Praxen, die Bauern auf ihrem Traktor. Pro Hof in Deutschland sind 2,3 Menschen beschäftigt. Wussten Sie das? Im Schnitt, das ist der Durchschnitt. Das ist Roboterlandwirtschaft ganz viel. Und es wird immer mehr. 2,3 Menschen. Die Einsamkeit der Lehrer in den Schulklassen. Die Einsamkeit der Professoren an der Universität. Kann ich auch ein Lied von singen. In England gibt es jetzt schon ein Ministerium für Einsamkeit. Das gehört anscheinend zu unserer Zeit, zu dieser Individualisierung und Freiheit, dass wir allein sind. Darauf kommt es anscheinend sogar an. Aber es ist sehr schmerzhaft. Eigentlich habe ich genug gesagt. Jetzt versuchen wir mal.
Handlungspädagogik: Erziehung durch die Erde und sinnvolles Tun 00:56:56
Zuschauerin: Das ist sehr gut. Ich finde es sehr spannend, was Sie erzählen. Aber wir sind ja alle hier, weil wir das anders machen wollen. Weil wir nicht einsam sein wollen, sondern wieder zusammenführen, was sich getrennt hat und sich getrennt anfühlt. Gerade in der Begleitung der Kinder. Was werden die entscheiden müssen? Was werden die beurteilen müssen? Wir haben keine Ahnung, in welche Zukunft die Kinder laufen. Wir wollen sie trotzdem möglichst gut auf ein gangbares Fundament stellen. Ich fände es total schön, wenn wir da noch mal drauf eingehen. Wo gehen wir hin, dass wir ein bisschen Inspiration mitgeben?
Dr. Peter Guttenhöfer: Das können Sie jetzt ganz einfach selber beantworten. Nach allem, was ich gesagt habe, ergibt es sich wie von selbst. Ganz simpel. Was brauchen die Kinder? Die Erde. Boden, Pflanzen, Tiere und Menschen natürlich auch. Das brauchen sie. Das müssen wir schaffen. Wo gibt es sowas? Jedenfalls draußen. Hier nicht. Es muss draußen sein. Da gibt es heute schon Draußenschulen, die als einzigen Zweck nur haben, dass die Kinder wenigstens draußen sind. Die haben schon ein bisschen was verstanden, die Leute. Das ist nicht schlecht. Aber draußen alleine reicht noch nicht. Denn was ist denn draußen? Geh doch mal hier raus, da wo die Straße ist. Das ist lebensgefährlich für Kinder. Und sehr hässlich und laut und scheußlich. Und so ist es ja an vielen Stellen. Dieses Draußen ist heute für ein Kind, besonders in solchen Zivilisationen wie heute, eine Wüste. Die Städte sind Wüsten. Man kann uns ja nicht sagen, man muss nach draußen gehen. Nein, das Draußen muss gestaltet werden. Das ist nicht die Wildnispädagogik. Auch nicht das Abenteuer oder das Erlebnis. Das gibt es alles. Das sind Zusatzdinge zum Geläufigen. Nein, es ist die Erziehung durch die Erde.
Denn die Erde ist sehr erzieherisch. Da können Sie zugucken, wenn Ihr Kind laufen lernt. Das lernt das Kind von der Erde. Zusammen mit dem Erwachsenen. Wenn da keine Erde ist, lernt es auch nicht laufen. Verständlich? Deswegen ist es ja gekommen. Warum möchte es denn unbedingt auf zwei Füßen gehen, wo das doch eigentlich so gefährlich ist, physikalisch gesehen? Was haben wir eigentlich davon, dass wir auf zwei Füßen gehen können? Das ist auch schon mal gut. Die Hände befreien. Und was können die Hände dann? Ja, die können sehr viel. Und das Tolle ist mit den Händen, dass die eigentlich für nichts sind. Oder für alles. Das ist das unspezialisierteste Organ, was Sie hier haben. Dieses hier. Das ist frei. Da sprechen wir von einer Physiologie der Freiheit. Und es macht einen großen Unterschied, ob du einem Menschen die Hand so entgegenhältst, oder so. Da ist schon ein Unterschied. Da ist schon das ganze Menschheit drin enthalten. Und wenn du nicht handelst, hast du keine Hand. Das haben wir beim Fuß schon festgestellt. Was heißt Hand? Das heißt Handeln. Und was heißt Handeln? Handeln heißt verwandeln. Aus dem Gegebenen etwas Neues schaffen. Das ist der Mensch. Der nicht eingebettet ist, wie die Tiere in das Vorhandene, sondern gerade nicht eingebettet ist. So kommt er zum Handeln. Und durch das Gehen und das Handeln wacht das Gehirn auf. Grundsatz der Waldorfpädagogik. Der Gliedmaßengeist, nennt Steiner das, weckt den Kopfgeist auf. Nicht umgekehrt.
99% aller Schulen auf der Erde machen es genau umgekehrt. Es wird der Kopfgeist angesprochen. Das nennt man kognitives Lernen. Die Gliedmaßen werden stillgesetzt von 8 bis 17 Uhr. Die Wahrnehmungsorgane werden nicht ernährt. Es gibt nichts zu sehen in so einer Klasse. Und es wird nur dieses Organ erzogen. Kopfig, ganz verkopft. Das ist ein Verkopfungsunternehmen. Steiner sagt es noch ein bisschen schärfer. In der "Allgemeinen Menschenkunde". Das ist das Grundlagenbuch für uns Waldorflehrer. Wenn du deine Hand ausstreckst zu sinnvollem Tun, verbindest du dich mit dem Geist. Was ist die Hand? Was ist sinnvolles Tun? Es gibt ja auch sinnloses Tun. Und was ist denn Geist? Was ist das denn? Mit deinem Kopf verbindest du dich gerade nicht mit dem Geist. Da ziehst du dich aus dem Geist heraus. Und schöpfst deine eigenen inneren Gedanken. Das ist dein inneres Denken. Hier in diesem Schädel. Und wie diese Gedanken mit der Wirklichkeit zusammenhängen, das kannst du gar nicht vollständig beurteilen. Das sind jetzt harte Sachen. Jedenfalls wird dort gesagt, mit den Füßen und den Händen verbinden wir uns dem Geist. Nicht mit dem Kopf. Das müssten wir mal durchdenken. Das ist sozusagen der Quell dieser ganzen anthroposophischen Menschenkunde, aus der die Waldorfpädagogik ihre Praxis schöpft. Hoffentlich.
Und gerade die Füße und die Hände werden in einer normalen Schule stillgelegt. Gehen wir jetzt mal da draußen, und zwar nicht nur spazieren oder zu gucken, also in den Zoo, sondern zu arbeiten. Weil "Hof" immer heißt, es muss gearbeitet werden. Am Hof spazieren gehen? Bauern gehen nicht spazieren. Das ist völlig unmöglich. Die gehen auch nicht in die Natur, so wie wir Städter sagen: "Wir gehen jetzt mal ein bisschen in die Natur." Da lachen die. Habe ich recht? Da lachen die nur. Die Natur.
Das ganze Erziehungssystem dient dazu, so wie es heute allgemein so auf der Welt sich ausbreitet, dass der Mensch nicht ganz auf der Erde ist mit seinem Erlebnis. Und das hat die Folge, dass er auch nicht ganz in seinem Leib ist. Das ist eigentlich eine Inkarnationsverhinderungsangelegenheit. Du bist gar nicht ganz anwesend. Hier und jetzt. Das ist jetzt das Härteste, was ich sagen kann. Das ist unglaublich böse, weil das der eigentliche Zweck ist, dass du überhaupt geboren worden bist, dass du dich hier inkarnierst und hier etwas tust. Und jetzt musst du noch fragen, was ist denn sinnvolle Arbeit, wenn der Steiner diesen Satz sagt und da dir das selber nicht so leicht einfällt, gibt er gleich die Antwort. Sinnvoll ist die Arbeit dann, wenn sie so getan wird, wie die Umgebung es erfordert. Also nicht das, was ich will. Das ist nicht das, was getan werden muss. Sondern was die Erde will, was die Umgebung will. Also der Boden, die Pflanzen, die Tiere und viele andere Menschen auch. Was die wollen, das muss ich tun. Das ist die Freiheit. Nicht das, was ich will.
Jetzt merken Sie, mit dem Schritt betreten wir ein moralisches Gelände. Ein ziemlich gefährliches Gelände. Denn jetzt müssen wir fragen, wer ist denn unsere Umgebung? Und was verlangt diese Umgebung von mir? Was verlangt denn eigentlich die Ziege von mir, wenn ich die Ziege nehme, um sie zu melken oder mache da so einen Ziegenhof und finde toll: "Ziegenkäse, Ziegenmilch, wir haben einen Ziegenhof." Aber die Frage: "Was will denn die Ziege eigentlich?", hast du sie überhaupt gestellt? Das wäre eine ganz neue Frage. Was wollen denn eigentlich die Tiere von uns? Was will denn zum Beispiel der Wald von uns? Diese Frage haben wir noch nie gestellt. Wissen Sie, was passiert, wenn wir diese Frage nicht stellen? Dann brennt er. Der verschwindet einfach. Kann man zugucken. Wenn wir uns nicht kümmern, dann brennt er. Die Tiere übrigens verlassen die Erde massenweise. Wie nennt man das? Verlust der Artenvielfalt. Pflanzen, hunderte pro Tag sagen einfach auf Wiedersehen, auf Ewigkeit. Wenn wir uns nicht kümmern. Die Erde kann ohne den Menschen nicht. Die Erde gibt es gar nicht ohne den Menschen. Das wäre jetzt der Inhalt des Unterrichts. Aber darüber kann man nicht so viel reden. Das muss man tun.
Dieses Gelände, wovon wir jetzt sprechen, könnte eben ein Hof sein. Goethe hat das genannt: "Die vollständige Umgebung". Vollständig in dem Sinne, dass die da alle sind, die Repräsentanten dieser Naturreiche und die Repräsentanten der Elemente, dass einem der Wind um die Nase weht, dass der Regen das Haupt trifft, dass die Sonne scheint und der Schnee fällt und dass ich mit den Schuhen im Boden klebe, wenn es feucht ist und der Hof nicht betoniert wird, versiegelt, damit ich nicht so viel Dreck in die Schuhe trage. Das muss alles offen sein. Und dann muss es noch Fragen.
Damit ende ich jetzt. Alle diese Wesen, die da sind, die fragen dauernd. Also die Apfelbäume zum Beispiel. Die fragen mindestens zweimal im Jahr: "Ist hier eigentlich mal jemand, der mich richtig schneidet? Ich kann das nicht selber tun. Und wenn ich nicht geschnitten werde, dann habe ich nächstes Jahr nicht mehr so schöne große Äpfel, sondern so kleine." Also nach drei Jahren sind die dann so, und werden wieder grün, wie sie früher mal waren. "Dann vergreise ich ganz schnell. Ich brauche jemanden, der mich jünger macht." Das nennt man Verjüngung. Tiere möchten verjüngt werden, jung sein dürfen. Und zwar lange. Wir Menschen dürfen sehr lange jung sein. Die Tiere sind ja alle immer schon erwachsen nach einem halben Jahr oder so. Ein Pferd nach zwei Jahren schon geschlechtsreif und ausgewachsen. Passiert nichts mehr im Leben. Keine Biografie. Die Jugendzeit verlängern. Und so weiter. Das ist das Ziel. Das ist die eigentliche Landwirtschaft. Das heißt also, einen Hof und auf dem Hof auch ein Haus. Das brauchen wir auch. Auch die Kinder brauchen das Haus. Aber wenn sie nichts wahrnehmen können, wenn sie sich mit nichts verbunden haben, gibt es auch nichts, worüber sie nachdenken können. Dann müssen sie das im Buch lesen, vom Lehrer erzählt bekommen, das wäre noch das Allerbeste. Oder heute eben als Video angucken. Wir haben eine Waldepoche im Video. Das gibt es ganz viel. Das ist der Tod der Zivilisation. Das ist das absolute Ende. Da muss also Wald sein, da muss Wasser sein, da müssen die Tiere sein. Das alles heißt nicht Wildnis, das heißt auch nicht Natur, sondern das heißt Kultur. Das ist die Kultur. Die ist heute nicht mehr in der Stadt.
Schauen Sie sich die großen Städte an wie Lagos. 25 Millionen Einwohner. Wie viele Leute leben da in Kultur? Ein kulturelles Leben. Ich kenne das von São Paulo in Brasilien. Da leben ungefähr 25 Millionen Leute. Da sind vielleicht 200.000 Leute, die ein Leben mit Kultur führen. Mit Bibliothek und Büchern und Violine spielen. Und die übrigen 24.800.000 nicht. Die kämpfen nur noch ums Überleben. So sieht das in den Städten heute aus. In den allermeisten. Der Kulturbegriff muss völlig neu gefasst werden. Und damit fast alles. Gibt es jetzt noch ein paar Fragen?
Hoffnung, Zusammenhalt und die Keime einer neuen Kultur 01:13:11
Zuschauerin: Gibt es noch Hoffnung? Mir kommt es manchmal so vor, dass ich sage, es ist schon so weit. Was können wir machen? Wir sind ja alle im Moment ein bisschen mehr in dieser Stimmung. Dieses ganze Mitteleuropa und an vielen anderen Orten. Das ist so. Gibt es noch Hoffnung?
Dr. Peter Guttenhöfer: Nein, es gibt keine Hoffnung. Wer soll sie denn geben? Die musst du schon selber geben. Du!
Zuschauerin: Ich zweifle. Das ist wirklich meine Frage. Wenn ich jetzt eine Hoffnung schöpfte, hätte sie einen realen Grund? Wäre meine Hoffnung berechtigt?
Dr. Peter Guttenhöfer: Hoffnung? Frag mich nach Berechtigung. Wer soll denn das entscheiden, ob das berechtigt ist? Das ist eine Kraft, die in dir wohnt. Dass du so wie Luther sagst, wenn morgen die Welt untergeht, pflanze ich heute einen Baum. Das steht schon in der Bibel. Glaube, Liebe und Hoffnung. Ohne das bist du sowieso verloren. Und du kannst auch nicht nach der Berechtigung von Liebe fragen. Habe ich ein Recht, dich zu lieben? Das ist keine Frage. Das ist eine Wärmequelle, Hoffnung. Und wenn du die aufgibst, dann gibst du auch dein Leben auf. Das heißt auch nicht, Hoffnung steht zuletzt, sondern die Hoffnung stirbt nicht beziehungsweise darf man sogar sagen, die Hoffnung stirbt. Jedenfalls ist das irgendwie von uns abhängig, ob sie stirbt oder nicht. Ich bin der, der hofft oder nicht hofft.
Und ich bin der, der sagt, jetzt machen wir mal 50% drinnen, 50% draußen. Drinnen wissen wir schon ganz gut, was wir machen sollen. Da haben wir vor allem von Steiner diesen wunderbaren Lehrplan, der uns bis hier erfüllt, weil es sowieso so viel ist, dass nie ein Waldorflehrer damit fertig wird. Die Waldorflehrer sind ja ganz schlimm, die geizen ja um jede Stunde. "Ich brauche eine Woche mehr für meine Physikepoche. Kannst du mir nicht...?" Das ist unglaublich. Das ehrt die Waldorflehrer sehr, ist aber auch ein bisschen bekloppt gleichzeitig. Aber was wir draußen machen, das wissen wir noch nicht. Da sind wir jetzt auf dem Hof, wo ich auch damit verbunden bin, da sind wir jetzt am Üben. Was machen wir jetzt von Tag zu Tag? Mit den Erstklässlern, den Zweitklässlern, den Fünftklässlern usw. Was ist denn richtig für so ein siebenjähriges Kind oder für ein zwölfjähriges Kind und welche Arbeiten können die denn schon machen? Dürfen die überhaupt arbeiten? Kinderarbeit, was ist das? Wir können doch nicht die Kinder zur Arbeit heranziehen. Arbeiten müssen wir. Aber wir müssen den Arbeitsbegriff vielleicht ein bisschen ändern.
Da hat Steiner auch schon sehr viel darüber gesagt. Solange ihr diesen Arbeitsbegriff habt, den ihr aus dem Alten Testament habt, wo das so eine Art Strafe ist: "Du musst jetzt arbeiten", solange seid ihr sowieso verloren. Dann werden eure sozialen Dinge sich niemals ordnen. Das Kind möchte arbeiten. Da muss man mal zugucken, wie Fünfjährige, wenn die Erwachsenen arbeiten, wie die mitarbeiten. Vollständig, 100% hingegeben an die Arbeit. Ohne überhaupt zu fragen. Die fragen auch nicht: "Was kriege ich dafür bezahlt?" Die leben darin, dass sie arbeiten. Das ist das Spielen des Kindes, das ist Arbeit. Das Spiel ist Arbeit, Schiller lesen.
Das muss man jetzt mal organisieren mit den Bauern zusammen. Die Bauern haben von Pädagogik keine Ahnung. Aber die Lehrer haben vom Hofleben keine Ahnung. So wie ich zum Beispiel. Solche Leute müssen jetzt miteinander reden. Das ist richtig schwierig. Die Bauern haben vor allem keine Zeit, weil sie unter irrsinnigem Wirtschaftsdruck stehen. Es gibt dann manchmal Zeiten, wo sie ein bisschen mehr Zeit haben. Das ist jahreszeitlich abhängig. Aber die Lehrer haben nie Zeit, denn die haben ja immer das riesige Programm. Die müssen jetzt die Hälfte ihres Programms, so heilig das ist, mal in die Ecke stellen. Wenigstens vorübergehend. Und Zeit stiften, dass das Kind da sein darf, wo die Erwachsenen arbeiten.
Das ist jetzt ein neues Kapitel. Da geht es um Wille usw. Da könnten wir jetzt die nächsten anderthalb Stunden drüber reden. Aber das geht jetzt nicht mehr. Sie ahnen nur, da öffnen sich jetzt vollständig neue Gestaltungsräume. Hätten wir nur diesen Grund und Boden und hätten wir einen funktionierenden Hof, möglichst biologisch-dynamisch, hätten wir doch den nur. Und an manchen Stellen gibt es das. Es gibt es schon an manchen Stellen. Da können Sie Ihre Hoffnung dran knüpfen. Einfach mal hingucken. Das gibt es schon. Wir haben 80 Kinder jeden Tag auf dem Hof, wo ein normaler Bauer drei Kreuze schlägt. Das ist da auch ein bisschen so. Manchmal wären die froh, wenn die nicht kämen. Dann kann man endlich mal zügig arbeiten.
Und jetzt müssen sich diese Lehrer und die Bauern, die seit Platons Zeiten nicht mehr miteinander gesprochen haben, mal wieder miteinander sprechen. Das ist ein völlig neuer Kulturakt. Und da sage ich, das ist das Allerletzte, da kommen die Ärzte noch dazu. Wir sprechen jetzt schon über Heilkunst, Erziehungskunst und Landbaukunst und eigentlich auch noch die Sozialkunst müssen sich jetzt vereinen. Das ist sozusagen die Keimlegung einer neuen Kultur. Darüber haben wir eben zu viert gesprochen. Diese vier. Das war lustig. Die haben sich gefreut. Und es ist völlig neu. Und es fängt überall an. Da gibt es gemeinsame Kurse für Ärzte und Bauern auf dem Dottenfelderhof. Da hat es schon angefangen. Gesundheit und Pädagogik. Plötzlich gibt es eine Stiftung. Das wollen sie finanzieren. Das bewegt sich überall. Ihre Hoffnung blüht. Und auf der ganzen Welt, überall. Kleine Keime. Und diese Keime sind sehr empfindlich. Die kann man ganz leicht kaputt machen. Keime sind ja immer sehr fragil. Die muss man schützen und da helfen. Und alles Geld, was irgendwo übrig ist, muss dahin. Nicht in die Gymnasien. Nicht auf die Universitäten.
Maike Lübbert: Ich möchte noch was ergänzen. Ich durfte diese Initiative von Anfang an leiten. Sie haben über die Einsamkeit gesprochen. Jetzt sprechen sie über den Keim. Aber in dem Wort "Einsamkeit" steckt der "eine Same". Und das braucht den Einzelnen. Ich weiß noch, wie das war. Ein, zwei Menschen kamen und sagten, wir wollen so eine Schule. Und die haben gesagt, okay. Und eins sich ins andere fügte. Und wenn wir dann dieses wunderschöne Grundstück hier bekommen konnten, weil da jemand war, der sagte, ich will das auch mal einer herzerfüllten Sache geben... Ich wollte das mal ergänzen. Dieser eine Same, den man manchmal auch in der Einsamkeit findet. Und den braucht es. Und man muss wach werden an der Initiative.
Dr. Peter Guttenhöfer: Und eigentlich ist es auch gar nicht so schwer. Man muss einfach das machen, worauf man Lust hat. Und sein Leben genießen. Und das mit Einzelnen machen. Und dann geht es schon. Die Leute haben es schwer miteinander, alle. Jetzt werden Instrumente geschliffen. Wie kann man die Gemeinschaft pflegen, dass es gut geht. Dass es nicht auseinanderbricht. Ja, so ist es. Die wachsen jetzt zusammen. Nachdem sie eben 3000, 4000, 5000 Jahre alle auseinandergewachsen sind. Und alle in ihre Einsamkeiten verstreut. Und überhaupt die ganze Welt fragmentiert in tausende von Bruchstücken. Kommt jetzt die neue Bewegung. Ein neuer Geist weht. Fängt ganz fein an zu wehen. Das ist ein Frühlingslüftchen. Und das ist richtig schwer. Und meinerseits bin ich durch die halbe Zahl aller Länder der Welt gefahren. Um überall diese Orte zu suchen. Wo das schon so schlummert. Ich habe dann auch solche Reden gehalten wie hier. Dass wenigstens einer von denen irgendwann mal danach gegriffen hat. So etwas müssen wir machen. Und das geschieht an manchen Orten. Deswegen. Alles gesagt.





