Seelenbegleiter für den Aufbruch in Zeiten des Umbruchs

Aus AnthroWorld

Einleitung

Ahriman und Lucifer

«Ahriman, du bist der kalte Geist
Meine Seele, du entführest sie
In der Menschenfeindlichkeit Bereich -

Lucifer, du bist die Feuerkraft
Meine Seele, du entführest sie
In des Eigensinnes Machtgebiet.

Zwischen beiden soll ich hindurchgehn
Durch des Christus bindende Weltenmacht
Durch des Christus opfernde Arbeitskraft.»

Rudolf Steiner: GA 268[1]

Wir leben in turbulenten Zeiten, in Zeiten des Umbruchs, das Alte verschwindet und das Neue ist noch nicht geboren. Für diese Zeit können die Seelensprüche von Rudolf Steiner eine Stütze, ein Wegbegleiter sein.

Seelensprüche als Impulse zur Begleitung und Vertiefung der sechs Nebenübungen

Einführung

Rudolf Steiner hat uns neben dem achtgliedrigen Pfad des Buddha mit den acht Übungen für die Tage der Woche [GA 267, S. 68ff], sowie den vier Grundregeln zur Selbsterziehung [GA 267, S. 63ff] als Voraussetzung und Basis für den Schulungsweg die sechs Nebenübungen gegeben. Sie helfen uns, im Alltag die richtige Perspektive zwischen uns selbst und der Außenwelt zu finden, zwischen unserem Ich und der Welt zu vermitteln.

In der unfassbaren Vielfalt der Seelensprüche, die uns Rudolf Steiner geschenkt hat, lassen sich einige finden, die unmittelbar zur Unterstützung und Begleitung der Nebenübungen niedergeschrieben zu sein scheinen.

In seinem Bändchen "Wir fanden einen Pfad" hat sich auch Christian Morgenstern mit den Nebenübungen beschäftigt. An den Anfang seiner Lyrik stellt er einen Rudolf Steiner gewidmeten Text, den wir hier gern aufgreifen möchten:

HOMMAGE an Rudolf Steiner

«So wie ein Mensch, am trüben Tag, der Sonne
vergisst, -
sie aber strahlt und leuchtet unaufhörlich, -
so mag man Dein an trübem Tag vergessen,
um wiederum und immer wiederum
erschüttert, ja geblendet zu empfinden,
wie unerschöpflich fort und fort und fort
Dein Sonnengeist
uns dunklen Wandrern strahlt.»

Christian Morgenstern: Wir fanden einen Pfad[2]

Als Leitgedanken für die sechs Nebenübungen finden wir bei Christian Morgenstern folgende Worte:

THRON DER THRONE

«Geschöpf nicht mehr, Gebieter der Gedanken,
des Willens Herr, nicht mehr in Willens Frone,
der flutenden Empfindung Maß und Meister,

zu tief, um an Verneinung zu erkranken,
zu frei, als daß Verstocktheit in ihm wohne:
So bindet sich ein Mensch ans Reich der Geister:

So findet er den Pfad zum Thron der Throne.»

Christian Morgenstern: Wir fanden einen Pfad

Wir leiten unsere Übungsgruppe im Rahmen der 5. Staffel (Montagabend um 17:30 Uhr) ein mit dem Wochenspruch aus dem Seelenkalender, den Wolfgang am folgenden Tag im Rahmen des Apokalypse-Vortrages mit seinen den ganzen Kosmos umspannenden Gedanken ausfüllt.

Verabschieden tun wir uns voneinander mit einem Mantram von Rudolf Steiner, das nach unserer praktischen Erfahrung die jeweils im Vordergrund des sechsmonatigen Übungszyklus stehende Nebenübung unterstützend zu begleiten vermag. Dabei erforscht dann jeder für sich, wie er auf seine Weise mit den ausgewählten Sprüchen umgehen mag.

Meditative Begleitung der 1. Nebenübung: Gedankenkontrolle

Wir erfahren die Gedankenkontrollübung mit ihren Anforderungen an Logik und Konzentrationsfähigkeit als Schlüssel zu allen weiteren Nebenübungen. Eine meditative Betrachtungshilfe zur Beobachtung unseres Denkens, in das wir unseren Willen einfließen lassen, hat uns Rudolf Steiner mit der folgenden Übung zur Verfügung gestellt [GA 267,  S. 394]:

Betrachtungshilfe

«Ich denke Dinge und Tatsachen.»

Rudolf Steiner: GA 267, S. 394

Diese Vorstellung etwa eine Minute lang festhalten mit Ausschließung anderer Gedanken. Dann Konzentration auf die Vorstellung:

Konzentration auf den Gedankenstrom:

«Mein Denken fließt in der Zeit.»

Rudolf Steiner: GA 267, S. 394

Wieder diese Vorstellung eine Minute lang festhalten. Nach dieser Vorbereitung Konzentration auf das folgende nacheinander für 3 bis 4 Minuten:

Konzentration auf die fünf Textzeilen

«Ich folge dem fließenden Denken»
«Ich will erkennen meinen Willen in meinem Denken»
«Ich will finden mein Ich in meinem Denkwillen»
«Ich will leben als Ich in meinem Denkwillen»
«Ich erwarte die Lösung des Ich vom Ich»

Rudolf Steiner: GA 267, S. 394

Meditative Begleitung der 2. Nebenübung: Willenskontrolle oder Initiative des Handelns

Wir alle tun uns schwer mit der Willenskontrollübung, in der wir eine Verpflichtung nur uns selbst gegenüber eingehen. Wie viel leichter fällt es uns doch, Verabredungen einzuhalten, die wir mit anderen getroffen haben… Da kann es hilfreich sein, sich im ganz persönlichen Zwiegespräch mit dem Willensgeist zu verbinden [GA 40, S. 134]:

WILLENSGEIST

«Waltender weiser Willensgeist
Webend in Geistesweiten allüberall
Wirkend durch Geisteswesenheiten
Wirkest sicher du
In meinen Seelenwesenstiefen auch
So binde liebewirkend stark
Mein Innres an Deine lichte Kraft.
Dich findend, find ich mich.»

Rudolf Steiner: GA 40[3]

Die Ausbildung des Willens kann in Verbindung mit dem Spruch eine weitere spürbare Stärkung erfahren, wenn wir - nachdem wir ihn sicher auswendig gelernt haben - ohne Schreibhilfen innerlich üben, ihn Zeile für Zeile rückwärts zu entwickeln. Dabei kann sich dann zum Beispiel folgender Wortlaut ergeben:

WILLENSGEIST (rückwärts)

«Mich find ich, findend dich.
An deine lichte Kraft mein Innres
Stark liebewirkend binde
Auch in den Tiefen des Wesens meiner Seele
Du sicher wirkest
Durch Wesenheiten des Geistes wirkend
Allüberall in Weiten des Geistes webend
Willensgeist weise waltender.»

Susanne auf Basis von Rudolf Steiner: GA 40

Auch Johann Wolfgang von Goethe hilft uns, über unsere Beziehung zu Wille und Verpflichtung zu reflektieren:

DIE ESSENZ DER VERPFLICHTUNG

«Bis sich jemand verpflichtet hat ist da ein Zögern,
die Möglichkeit zum Rückzug
... und immer Untauglichkeit.

Über Entschlusskraft und Schöpfung gibt es eine grundlegende Wahrheit;
die Unkenntnis davon zerstört unzählige Ideen und großartige Pläne.
Und das ist, dass in dem Moment,
da jemand sich endgültig verpflichtet,
dann auch die Göttliche Vorsehung Einzug hält.

Alle möglichen Dinge ereignen sich, um diesem zu helfen –
Dinge, die sich sonst nie ereignet hätten.
Ein ganzer Strom von Ereignissen ergibt sich aus der Entscheidung.

Sie ruft für jeden, der die Entscheidung getroffen hat,
alle möglichen unvorhergesehenen Vorkommnisse und
Zusammenkünfte und stoffliche Hilfe hervor,
von der kein Mensch sich hätte träumen lassen,
dass sie auf diese Weise eintreffen würden.

Was immer du tun kannst, oder wovon du träumst, du könntest es tun:
Beginne damit!
Kühnheit trägt Genius, Macht und Zauber in sich.

BEGINNE ES JETZT!»

Johann Wolfgang von Goethe: Die Essenz der Verpflichtung[4]

Meditative Begleitung der 3. Nebenübung: Gelassenheit

Während einige, die in ihrer Selbsterziehung schon beneidenswert fortgeschritten sind, sich recht schnell mit der dritten Nebenübung anzufreunden vermögen, kann sich bei anderen die Gelassenheitsübung als wahre Lebensaufgabe offenbaren… Da mag der folgende Seelenspruch zum ständigen Begleiter werden [GA 268, S. 179]:

INNERE RUHE

«Ich trage Ruhe in mir,
Ich trage in mir selbst
Die Kräfte, die mich stärken.
Ich will mich erfüllen
Mit dieser Kräfte Wärme,
Ich will mich durchdringen
Mit meines Willens Macht.
Und fühlen will ich
Wie Ruhe sich ergießt
Durch all mein Sein,
Wenn ich mich stärke,
Die Ruhe als Kraft
In mir zu finden
Durch meines Strebens Macht.»

Rudolf Steiner: GA 268

Auch dieser Spruch entfaltet beim Rückwärtslernen spürbare zusätzliche Kraft!

Eine etwas anders getönte Seelenstimmung der Ruhe mag dieser Spruch bewirken, der sich auch als "Einschlafhilfe" zu bewähren vermag [GA 40, S. 273]:

Stefan

«Dieser Spruch ist sehr wertvoll für mich,
er hilft mir morgens die richtige Einstimmung
für den Tag zu finden.
Während des Tages hilft er mir allmählich
Kontrolle über die inneren Seelenwallungen
zu bekommen.»

INNERE RUHE

«Wenn Ruhe der Seele Wogen glättet
Und Geduld im Geiste sich breitet
Zieht der Götter Wort
Durch des Menschen Innres
Und webt den Frieden
Der Ewigkeiten
In alles Leben
Des Zeitenlaufs.»

Rudolf Steiner: GA 40

«Wer am Menschen nicht scheitern will,
trage den unerschütterlichen Entschluss
des Durch-ihn-lernen-Wollens
wie einen Schild vor sich her.»

Christian Morgenstern: Mogenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen

Meditative Begleitung der 4. Nebenübung: Positivität

Positivität

«Des Lichtes webend Wesen, es erstrahlet
Durch Raumesweiten,
Zu füllen die Welt mit Sein.
Der Liebe Segen, er erwärmet
Die Zeitenfolgen,
Zu rufen aller Welten Offenbarung.
Und Geistesboten, sie vermählen
Des Lichtes webend Wesen
Mit Seelenoffenbarung;
Und wenn vermählen kann mit beiden
Der Mensch sein eigen Selbst,
Ist er in Geisteshöhen lebend.»

Rudolf Steiner: GA 268

Meditative Begleitung der 5. Nebenübung: Unvoreingenommenheit

LICHT

«Licht fühle ich um mich,
Es ist Weltenlicht;
Licht fühle ich in mir,
Es ist Menschenlicht;
Und empfangen will ich
Menschenlicht als Weltenlicht,
Weltenlicht als Menschenlicht.»

Rudolf Steiner: GA 268

Meditative Begleitung der 6. Nebenübung: Harmonie der 5 Stufen

THRON DER THRONE

«Geschöpf nicht mehr, Gebieter der Gedanken,
des Willens Herr, nicht mehr in Willens Frone,
der flutenden Empfindung Maß und Meister,

zu tief, um an Verneinung zu erkranken,
zu frei, als daß Verstocktheit in ihm wohne:
So bindet sich ein Mensch ans Reich der Geister:

So findet er den Pfad zum Thron der Throne.»

Christian Morgenstern: Wir fanden einen Pfad
Harmonisierung

«Im Denken Klarheit,
Im Fühlen Innigkeit,
Im Wollen Besonnenheit:
Erstreb' ich diese,
So kann ich hoffen,
Dass ich zurecht
Mich finden werde
Auf Lebenspfaden
Vor Menschenherzen
Im Pflichtenkreise.

Denn Klarheit
Entstammt dem Seelenlichte,
Und Innigkeit
Erhält die Geisteswärme,
Besonnenheit
Verstärkt die Lebenskraft.
Und alles dies
Erstrebt in Gottvertrauen,
Lenket auf Menschenwegen
Zu guten, sicheren Lebensschritten.»

Rudolf Steiner: GA 40
Ecce homo

«In dem Herzen
Webet Fühlen,
In dem Haupte
Leuchtet Denken,
In den Gliedern
Kraftet Wollen.

Webendes Leuchten,
Kraftendes Weben,
Leuchtendes Kraften:
Das ist - der Mensch.»

Rudolf Steiner: GA 40

Weiterführende Seelensprüche (Gruppe: Georg Kühlewind) Aufmerksamkeit und Hingabe

Seelenübungen allgemein

Ein Spruch, mit dem Rudolf Steiner viele esoterische Stunden begleitet hat:

Der erste Hüter

«Erkenne erst den ernsten Hüter
Der vor des Geisterlandes Pforten steht
Den Einlass deiner Sinnenkraft
Und deines Verstandes Macht verwehrend
Weil du im Sinnesweben
Und im Gedankenbilden
Aus Raumeswesenlosigkeit
Aus Zeiten Truggewalten
Des eignen Wesens Wahrheit
Dir kraftvoll erst erobern musst.»

Rudolf Steiner: 266/3, S. 504

1. Seelenübung (Namen)

"Was bedeutet es, wenn ich ein Wort ausspreche oder denke? Was alles geschieht dabei?

Zur Begleitung und Ausklang der 1. Übung aus "Aufmerksamkeit und Hingabe"

Im Urbeginne

«Im Urbeginne war das Wort
Und in dem Wort war ich selbst,
Und das Wort war bei Gott.
Und mit dem Wort war ich selbst bei Gott.
Und ein Gott war das Wort.
Und ein Gott schaute mich in dem Wort,
Und das Wort soll leben in meiner Seele.»

Rudolf Steiner: GA 268, S. 210

2. Seelenübung (Die Aufmerksamkeit)

Meditation zur Gewinnung des Ich

«Ich schaue in die Finsternis:
In ihr ersteht Licht,
Lebendes Licht.
Wer ist dies Licht in der Finsternis?
Ich bin es selbst in meiner Wirklichkeit.
Diese Wirklichkeit des Ich
Tritt nicht ein in mein Erdendasein.
Ich bin nur Bild davon.
Ich werde es aber wieder finden,
Wenn ich,
Guten Willens für den Geist,
Durch des Todes Pforte gegangen.»

Rudolf Steiner: GA 268, S. 92

Helferlein für den Alltag

ZUR HILFE FÜR ANDERE

«Ich versenke mich in die tiefsten Seelenkräfte in mir,
Da lebe ich fühlend in dem Ewigen meiner Seele.
Wie der Punkt ohne Ausdehnung in dem Kreise,
So ist die ewige Seele ohne leibliches Wesen in mir.
Mit diesem leiblosen ewigen Wesen gedenke ich helfend im Geiste
________(Name)

Die Kraft, Du selbst zu sein, erstarke in Dir.
Das Licht, das in deinem eigenen Inneren leuchtet, belebe sich in dir.
Die Seelenwärme, die aus deinem eigenen Geiste strahlt, durchwärme dich. -»

Rudolf Steiner: GA 268, S. 191
Der begleitende Engel

«Du mein himmlischer Freund, mein Engel,
Der du mich zur Erde geleitet hast
Und mich geleiten wirst durch die Pforte des Todes
In die Geistesheimat der Menschenseele.
Du, der du die Wege kennst seit Jahrtausenden,
Lasse nicht ab, mich zu erhellen,
Mich zu durchkraften, mir zu raten,
Dass ich aus dem webenden Schicksalsfeuer
Als ein stärkeres Schicksalsgefäss hervorgehe
Und mich immer mehr erfüllen lasse
Mit dem Sinn der göttlichen Weltenziele.»

Ernst Karl Plachner (1896-1982)

Weblinks

Literaturangaben

  • Rudolf Steiner: Wahrspruchworte, GA 40 (2005), ISBN 3-7274-0401-9
  • Rudolf Steiner: Aus den Inhalten der esoterischen Stunden, Band III: 1913 und 1914; 1920 – 1923, GA 266/3 (1998), ISBN 3-7274-2663-2
  • Rudolf Steiner: Seelenübungen mit Wort- und Sinnbild-Meditationen, GA 267 (2001),  ISBN 3-7274-2670-5
  • Rudolf Steiner: Mantrische Sprüche. Seelenübungen Band II, 1903 – 1925, GA 268 (1999), ISBN 3-7274-2680-2
  • Christian Morgenstern: Wir fanden einen Pfad (2022), ISBN: 2-3850-8309-4

Einzelnachweise

  1. Rudolf Steiner: Mantrische Sprüche. Seelenübungen Band II, 1903 – 1925, GA 268 (1999), ISBN 3-7274-2680-2
  2. Christian Morgenstern: Wir fanden einen Pfad
  3. Rudolf Steiner: Wahrspruchworte, GA 40 (2005), ISBN 3-7274-0401-9
  4. Johann Wolfgang von Goethe: Die Essenz der Verpflichtung