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Jede Wunde ruft eine Heilkraft auf - Rudolf Steiner über das Geheimnis der Wunde - ein Vortragsausschnitt von Michael Rheinheimer, Quartett-Tage Bodensee, 2026
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Am 3. Juli 2026 hielt Michael Rheinheimer, Pfarrer der Christengemeinschaft Bonn-Bad Godesberg einen Vortrag zum obigen Thema. Der Vortragsausschnitt wurde uns freundlicherweise vom Verein „Von Wert sein“, den Veranstaltern der Quartett-Tage am Bodensee 2026 zur Verfügung gestellt.
Videolink https://www.youtube.com/watch?v=6j4vMdtTqy4
Transkription des Vortrags vom 3. Juli 2026
von Elke J., Juli 2026
Die Wunde und ihre Heilung - ein durchgehendes Motiv im Parzival 00:00:00
Ich habe mich mal als sehr junger Mensch mit einer Traumatherapeutin, Psychotherapeutin, sehr hart gestritten, ob man Wunden heilen kann - also seelische Wunden. Und sie war ganz sicher, man kann Wunden nicht heilen, man kann sie immer nur integrieren. Und ich war anderer Ansicht. Ich habe gesagt, man kann Wunden schon heilen. Es ist die Frage, wie man sie heilen kann. Und sie fand mich aber eigentlich genauso dogmatisch wie ich sie. Also wir haben uns in gegenseitiger Verachtung am Schluss voneinander verabschiedet.
Die Frage - darum geht es im Parzival. Kann man eine Wunde heilen? Und was muss man tun, damit man Wunden heilen kann? Also Sie wissen, ich bin von Beruf Pfarrer, Priester, Seelsorger. Ich habe viel mit Wunden zu tun. Und deswegen habe ich mir auch mal die Frage gestellt, was ist eigentlich eine Wunde? Was ist das? Was würden Sie sagen, was ist eine Wunde? [Publikumsstimme: Verletzung]
Physische und seelische Wunden 00:00:56
Eine Verletzung, ja, ganz sicher. Das ist ganz sicher so. Ein traumatisches Ereignis. Es gibt so ein Bild in der Natur, was man manchmal bei Bestattungen verwendet, wenn man mit Traumatisierten oder Menschen, die einen geliebten Angehörigen verloren haben - kennen Sie vielleicht- in der Natur, wie Perlen in Muscheln entstehen. Da muss die Muschel verwundet werden, damit da eine Perle entsteht. Also eine Wunde muss jetzt nicht automatisch nur etwas Schlechtes sein. Oder hat auch die deutsche Sprache ja so eingerichtet, dass das Wort “Wunde” und “Wunder” etymologisch doch irgendwie gesprächsfähig wird.
Und mich hat es aber mal interessiert, ganz naturwissenschaftlich, ich bin ja kein Arzt - aber was ist ganz naturwissenschaftlich eine Wunde? Da habe ich mal so beim Medizin-Wiki geguckt, da kann man ja heute alles im Internet schauen. Und bin so auf zwei Definitionen gestoßen, wie gesagt rein naturwissenschaftlich, die mich aber sofort angesprochen haben, weil ich sie, obwohl sie ganz naturwissenschaftlich sind, viel philosophischer fand als alles das, was man jetzt vielleicht in der Philosophie darüber lesen könnte. Das eine, was gesagt wurde: Eine Wunde ist eine Trennung in einem Gewebezusammenhang.
Kann man nachempfinden, oder? Man hat so sein organisches Gewebe und dann schneiden Sie sich, und dann haben sie eine Verletzung, einen Schnitt. Fand ich aber auch toll, weil man das eigentlich auch von seelischen Wunden sagen kann. Man hat ja auch so den Gewebezusammenhang seines Schicksals, oder? Im Mittelalter gab es so das Bild eines Webers, der so das Webschiffchen - das Schicksal wurde wie ein Webstuhl verstanden, wo sich das Schicksalsgewebe eines Menschen gewissermaßen vollzieht. Und das kennen wir alle. Traumatische Ereignisse, wo ein Ereignis einschlägt, und dann wird so dieser Gewebezusammenhang des Schicksals aufgetrennt, und dann hat man plötzlich ein traumatisches Ereignis. Ein Mensch ist plötzlich weg. Und alles das, was man mit dem verbunden hat. Ich habe eine Krankheit, mit der ich jetzt leben werde müssen, oder irgendwas ist mir vielleicht passiert, kann eine seelische Verletzung... Also interessant, eine Trennung in einem Gewebezusammenhang.
Und das Zweite, was gesagt wird, wenn in diese Trennung, wenn da Fremdkörper eindringen, also Dreck oder auch Bakterien, dann kann sich die Wunde infizieren. Gott sei Dank ist nicht jede Wunde infiziert. Man kann ja auch mit einer Wunde vielleicht so behandeln, dass das nicht passiert, dass sie sich entzündet. Aber vermutlich gilt das auch für seelische Wunden, oder? Können die sich auch entzünden? Was wollen Sie sagen? [Publikumsstimmen] Ja! Können da auch Fremdkörper eindringen? Vielleicht auch irgendwelche falschen Vorstellungen? Was weiß ich? Als Seelsorger höre ich das manchmal, dass so Leute sagen, ich habe schwere Gewalterfahrungen in meiner Kindheit, und die anderen sagen immer, das hast du dir wahrscheinlich selber ausgesucht. Und ich sage dann immer, woher wissen die anderen das denn? Das kann man vielleicht selber sich fragen. Ein bisschen schwierig, das einem anderen an den Kopf zu knallen. Aber da merkt man, da haben sich dann bereits so Fremdkörper in eine Wunde eingenistet. Und dann ist es eigentlich gar nicht mehr die Verletzung, die das Trauma ist, sondern ein Stück weit die Entzündung, die aus einer solchen Wunde entstanden ist.
Dante und die neun Höllenkreise. Mit unseren Wunden sind wir mit der Erde am innigsten verbunden 00:04:37
Und nachdem ich mir das so ein bisschen klar gemacht habe, habe ich mir doch gedacht, das kenne ich irgendwoher. Diese beiden Definitionen, Trennung in einem Gewebezusammenhang und unkontrollierte Vermehrung. Da habe ich so an Dante denken müssen. Kennen Sie den Dichter Dante mit seiner “Göttlichen Komödie”? Da gibt es so neun Höllenkreise. Die Erde ist ein trichterförmiges, konzentrisches Gebilde. Und ganz unten gibt es die sogenannte Eishölle bei Dante. Da sind alle Menschen eingefroren und komplett getrennt von ihren Mitmenschen.
Oder da sagt er, die sogenannte achte Höllenschicht, da zerbricht alles in Gräben. Das ist ganz interessant. Diese selben Definitionen, die man naturwissenschaftlich Wunde bezeichnet, die hat Dante als Hölle benannt.
Oder Steiner spricht dasselbe übrigens über die Erde, sagt über das Innerste der Erde. Gibt so eine neunte Erdschicht, da wird alles getrennt und alles zersplittert. Sodass man vielleicht sagen kann, das Innerste der Erde oder das Innerste der Hölle ist eine Wunde. Wenn Sie eine Wunde in der Hand haben, haben sich so geschnitten, es hat sich infiziert, dann blicken Sie eigentlich ins Innerste der Erde. Also wir sind eigentlich mit der Erde dann am innigsten verbunden mit unseren Wunden. Oder anders gesagt, wenn wir die Erde heilen wollen, was ja eine Frage ist für viele Menschen, wie kann man die Erde heute heilen? Da müssen wir uns in irgendeiner Weise auch mit unseren Wunden beschäftigen.
Die Parzivals-Erzählung ist ein großes Mysteriendrama der Frage der Wunde 00:06:10
Und da glaube ich eben, dass der Parzival, egal ob das jetzt Richard Wagner macht oder Wolfram von Eschenbach, eigentlich so ein großes Mysteriendrama der Frage der Wunde ist. Und auch jetzt - Experten würden jetzt wahrscheinlich so mit einem Ohr mithören - Moment, was sagt Richard Wagner? Was sagt Wolfram von Eschenbach? Das ist ein bisschen wie mit dem Evangelium. Es gibt ja vier Evangelisten, Matthäus, Markus, Lukas, Johannes. Und jedes erzählt die Geschichte ein bisschen anders. Da wird man jetzt auch nicht sagen, der eine hat Recht, der andere weniger. Es ergänzt sich. Es gibt so eine Art Ur-Evangelium. Rudolf Steiner spricht sogar noch von einem fünften Evangelium. Und man muss eigentlich alle Evangelien zusammennehmen, um dann so an dieses Ur-Evangelium heranzukommen.
Und insofern muss man vielleicht alle Hinweise der Gralsgeschichte ein Stück weit zusammennehmen, um dort in dieses Mysteriendrama selber auch eintauchen zu können. Und was ich Ihnen nun in dieser guten Stunde, die wir haben, versuche, so ein bisschen als Anregung mitzugeben, dass ich irgendwann entdeckt habe, oder Parzival ist so ein bisschen ein Lebensthema - habe ich schon ganz stark an der Waldorfschule immer erzählt bekommen - dass ich glaube, dass der Parzival oder die Gralsdichter uns zeigen oder darstellen, dass wir als Menschen auf fünffach verschiedene Weisen offenbar verwundet werden können.
Fünf unterschiedliche Wunden in der Parzival-Erzählung 00:07:44
Also wir würden bei Wunde jetzt vielleicht erstmal so denken, halt Verletzungen, die ich habe - aber die Gralsgeschichte spricht von fünf unterschiedlichen Wunden. Und das finde ich sehr fruchtbar, weil man, weil das glaube ich doch in sehr viele Rätselfragen unseres Menschseins, unserer Geschichte und auch der Frage, wie wir als Menschen heute Zukunft gestalten, ein Stück weit hineinführen kann. Und die erste Wunde, die im Parzival berichtet wird, die nenne ich immer nach der Mutter Parzivals. Parzival hat eine Mutter - wie heißt die, weiß das jemand? Die Mutter heißt, der Name sagt schon ganz viel über ihre Wunde aus: Herzeloyde!
Eine Wunde, die ein Mensch empfängt, ist immer das Aufrufen einer Heilkraft (Rudolf Steiner) 00:08:34
Den Namen mal gehört? Herzeloyde, Herzeleid. Und die Herzeloyde, da geht es um eine Frage von Verwundung, was wir wahrscheinlich alle erstmal so verstehen, wenn wir das Thema Wunde hören, dass wir denken, eine Wunde ist etwas, wo ich verletzt werde. Und zwar jetzt mal egal, ob seelisch oder körperlich. Ich habe vielleicht einen Zustand der Gesundheit, da kommt so aus der Peripherie, irgendein Angriff und verletzt mich. Ein Mensch mit einem Wort, mit einer Tat, vielleicht auch ein Unfall, ein Schicksalsereignis, und ich werde plötzlich verletzt. Und wir alle kennen das, wenn wir auf der Erde verletzt werden, gibt es ja so ein Gesetz, das die Evolution eingerichtet hat, dass erstmal jeder so seine eigenen Schmerzen spürt, oder? Spüren Sie die Schmerzen Ihrer Mitmenschen automatisch? Macht vielleicht eine Mutter mit ihrem kleinen Kind? Könnte man schon sagen. Was dem Kind geschieht, geschieht auch der Mutter. In aller Regel ist es so, meine Wunden sind nicht Ihre Wunden und Ihre natürlich nicht meine. Also diese Art von Verletzung zersplittert uns auch, weil jeder sozusagen sein eigenes Schmerzerleben hat.
Also das kommt sozusagen aus dem Umkreis und verletzt mich zentriert. Und das andere, was man da vielleicht auch sagen kann, jede Wunde, je nachdem wie schwer sie oder wie verletzend sie ist, da muss man sich ja auch immer mit der Frage auseinandersetzen, gelingt es mir da in ein Verhältnis zu kommen zu dieser Verletzung oder zu dieser Wunde, dass sich ein Vertrauen darin entwickeln kann, dass das irgendwie geheilt werden kann. Denken Sie daran, was ich Ihnen von dieser Traumatherapeutin gesagt habe, das ist deren ... ja, so arbeitet die. Wunden kann man nicht heilen, man kann sie immer nur integrieren.
Ja genau, ich habe das anders als ganz junger Mensch, ich war richtig auch verwundet dadurch. Aber genau, also da merkt man, es ist gar nicht so selbstverständlich und trotzdem glaube ich schon auch, oder zumindest lebe mit der Frage, dass vielleicht jeder Mensch oder zumindest viele Menschen auch Wunden oder Verletzungen haben, wo sie das durchaus kennen. Diese Frage, zu sagen, ja vielleicht kann man die Wunden heilen, die der anderen. Aber meine, an diesem Punkt, das fällt mir schwer, dass ich mir das zutraue, dass ich das für möglich halte. Also das bleibt sozusagen eine lebendige Fragestellung.
Vertrauen in den Geist. Egal wie schwer eine Verletzung ist, zuletzt wird der Geist doch siegen 00:11:05
Und jetzt ist mir irgendwann bei Rudolf Steiner, der hat mal 1914, als der Erste Weltkrieg ausgebrochen ist, der hatte einen Vortrag über das Geheimnis der Wunde gehalten. Der wollte damals, dass die Menschen einen Erste-Hilfe-Kurs machen. Ja, weil es war Krieg und er wollte auch das Anthroposophen nicht nur Eurythmie machen oder Vorträge hören, die sollten auch im Zeitgeschehen wirken können und hat ihnen einen anthroposophischen Erste-Hilfe-Kurs gegeben. Erstaunlich, was wird da wohl behandelt werden? Wieso ist der anders, als wenn ich jetzt einen mache, um meinen Führerschein machen zu dürfen? Er hatte aber etwas sehr Bemerkenswertes gesagt, was mich schon sehr lange beschäftigt, was eine Wunde oder eine Verletzung im Grunde ist.
Was hat er gesagt? Er hat gesagt: “Eine Wunde, die ein Mensch empfängt, ist immer das Aufrufen einer Heilkraft.” Können Sie das nachempfinden? Er hat gesagt, wenn ich jetzt verletzt werde, kannst es ja ganz simpel nehmen, ich kriege hier einen Schnitt, Aua! - tut weh, wer war das? Wer ist schuld? Wer hat das Messer rumliegen lassen? Gut, ich war vielleicht selber schuld. Aber er sagt, die Verletzung ist immer zugleich das Aufrufen einer Heilkraft. Das ist so ein bisschen in dem Bild von Matthias Grünewald, was wir ja vorhin gesehen haben, Ostern, der Auferstandene, der aus dem Grab aufsteigt, ist ja überall verwundet, haben Sie das gesehen? An den Händen, an den Füßen, an der Seite. Und dieser verwundete Mensch, der steigt aus dem Grab in dieser sonnenhaften Auferstehung auf. Offenbar diese Kraft wird aufgerufen, wenn ich verletzt oder verwundet werde. Ob ich dieser Heilkraft wirken kann, dass die meine Verletzung heilt, das ist eine völlig andere Frage. Also ich sag, mach mal den blöden Witz, Sie können natürlich nicht einen Menschen schlagen und sagen, ich habe eine Heilkraft aufgerufen. Damit kämen Sie vermutlich vor Gerichten nicht ganz durch [Gelächter]. Aber erst mal dieser Gedankenwechsel. Wir denken ja, Wunde ist Verletzung, es ist auch Verletzung. Aber dadurch, dass ich verletzt oder verwundet werde, wird - sagt Rudolf Steiner - zugleich eine Heilkraft aufgerufen, die sich auf den Weg zu dieser Verletzung macht.
Und jetzt ist die Frage für einen Therapeuten oder auch für einen verwundeten Menschen, welche innere Schritte er gehen soll, damit diese Heilkraft als solche wirken kann. Und da sagt Rudolf Steiner, zwei Dinge, vor denen sich ein Therapeut innerlich eigentlich durchdringen soll oder auch ein Mitmensch im Umgang mit einem verletzten oder traumatisierten Menschen und möglicherweise auch jeder Mensch selber im Verhältnis zu seinen eigenen Verletzungen oder seinen eigenen Wunden, das erste, was er sagt, damit diese Heilkraft, die aufgerufen wird, der jemand verletzt ist, wirken kann, damit die wirken kann, sagt er, Vertrauen in den Geist. Man soll sich damit innerlich durchdringen, egal wie schwer eine Verletzung ist, zuletzt wird der Geist doch siegen.
Also genauso an diesem Kipppunkt unseres Bewusstseins, wo man bei jeder Verletzung ja erstmal ringen muss, glaube ich, dass das heilbar ist? Und wie viele Verletzungen oder Traumatisierungen die Menschen in der Gegenwart, in unserem Zeitgeschehen innerlich erleben müssen, an fürchterlichen Dingen, die wir jetzt hier gar nicht ausbreiten müssen, kann sich schon die Frage haben, kann das geheilt werden? Und er sagt ja, diese erste Voraussetzung, dass diese Heilkraft, die immer aufgerufen wird, dass man sich innerlich mit an diesem Vertrauen arbeiten soll, zuletzt wird der Geist doch siegen und kann eine Wunde heilen.
Empathiefähigkeit entwickeln 00:15:08
Und das Zweite, was er sagt, Empathiefähigkeit, dass sich daran arbeiten oder lernen soll, dass sich die Wunden oder die Schmerzen von anderen Menschen ein Stück weit mitempfinden kann.
Sie kennen vielleicht das mantrische Wort bei Richard Wagner im Parzival: „Aus Mitleid wissend werden“. Aus Mitleid wissend werden - weil es ist sozusagen eine Kategorie unserer Wunden, dass immer dann, wenn wir verletzt werden, jeder ja nur seine eigene Wunde spürt. Und die der anderen, man sagt ja ganz oft: Das ist sein Problem! Es geht uns natürlich alle erst mal gegenseitig so. Und er sagt, dieses Lernen, dass man die Schmerzen oder die Wunden der anderen ein Stück weit mitempfinden kann, das ist die zweite Voraussetzung neben Vertrauen in den Geist, dass diese Heilkraft, die bei jeder Wunde aufgerufen wird, wenn ein Mensch verletzt wird, in einer solchen Weise wirken kann. Vielleicht ist das ein bisschen das Geheimnis von Selbsthilfegruppen. Ich weiß nicht, ob Sie an so etwas schon mal teilgenommen haben. Da sitzen ja Menschen da, die alle dieselbe Wunde haben. Vielleicht einen Verkehrsunfall überlebt oder leben mit einer schweren Erkrankung oder vielleicht Verbrechensopfer gewesen und das geht ja eigentlich allen dann auch besser, weil jeder so ein bisschen in der Situation ist, dass er merkt, ich bin ja nicht der Einzige, der das empfindet. Die anderen erleben es genauso, haben es vielleicht sogar noch schwerer. Ganz konkret, man sagt ja, “geteiltes Leid ist halbes Leid”, sagt der Volksmund, wo also ein Stück weit offenbar dieses Gesetz, dass Empathiefähigkeit, schon anfängt, diese Heilkräfte ein Stück weit zu generieren.
Die Verletzung der Herzeloyde 00:16:55
Da hat der - deswegen erzähle ich Ihnen das, im Parzival - die Mutter von Parzival Herzeloyde, die hat ein Trauma oder eine Verletzung. Ihr Trauma oder ihre Verletzung ist, dass sie immer wieder Menschen verliert, durch das Schicksal, die sie liebt. Und das passiert nicht einmal, was schon schwer genug wäre, sondern das passiert regelmäßig. Also sie verliert ihren ersten Mann. Ja, sie ist die Schwester des Gralskönigs, heiratet und der stirbt, dann verliert sie irgendwann ihre Schwester, adoptiert dann deren Nichte noch. Dann verliert sie noch mal einen Mann, Parzivals Vater und dann reagiert sie - das ist total verständlich, wie oft Menschen reagieren, wenn sie zu oft dasselbe Trauma oder zu oft dieselbe Wunde empfangen haben - man setzt dann die ganze Energie darauf hin, dass das nicht nochmal passiert. Ja, das kennt man auch im sozialen Umgang, es ist unglaublich anstrengend. Leute, mit denen man auch nicht streiten kann, weil Rechthaben ist immer Überleben. Da merkt man, da hat ein Mensch ein Trauma oder eine Wunde zu oft empfangen, da wird die ganze Energie darauf gesetzt, dass das nicht noch einmal passiert.
Und da macht Herzeloyde etwas mit Parzival, sie geht mit dem Jungen in den Wald, dass der nie erfährt, dass außer ihr und der Mutter und vielleicht noch zwei Dienern eine Welt außerhalb des Waldes ist, damit er nicht später Ritter wird und sie auch ihn noch verliert. Natürlich sehr übergriffig. Sie greift ja massiv in das Schicksal des Jungen ein und dann passiert natürlich das, was oft passiert, wenn man versucht, Dinge zu vermeiden, da passieren sie manchmal gerade -Parzival verlässt sie dann irgendwann und dann stirbt die Herzeloyde in der Geschichte an gebrochenem Herzen. Ja, Herzeloyde! Man kann auch sagen, ihre Wunde verkapselt sich so zu einer Eiterkapsel und sie stirbt dann am inneren Organversagen. Und da merkt man diese Frau, ja, es ist genau das, was Rudolf Steiner sagt, also sie hat zu wenig Vertrauen in den Geist, was man vielleicht auch verstehen kann.
Die Herzeloydewunde ist eine Art, wie wir als Menschen verletzt werden können 00:19:09
Und dann erfährt man aus der Geschichte auch, dass sie die Schwester des verwundeten Gralskönigs ist. Damit will sie aber nichts zu tun haben. Also sein Schmerz oder seine Krisen, davon hat sie sich weitestgehend abgewandt und da merkt man, diese Frau hat sich ein Stück weit in ihren Resilienzkräften offenbar so geschwächt, dass sie am Schluss, ja, an einer Wunde stirbt, die eigentlich keine ist. Denn was passiert? Ihr Sohn verlässt sie. Ich meine, gut, das fällt Eltern unterschiedlich einfach oder unterschiedlich schwer, aber ist auch das Recht von Kindern, ne? Man durfte ja seine Eltern auch verlassen. Und da merkt man, am Schluss stirbt Herzeloyde eigentlich an einer Wunde, die keine ist.
Also ich schreibe das mal an, Herzeloydewunde, - wo habe ich jetzt den Stift hingetan hier - [schreibt] ist eine Art, wie wir als Menschen verletzt werden können, ja. Aus der Peripherie zentriertes Schmerzerleben ist aber zugleich eigentlich das Aufrufen einer Heilkraft und damit das wirken kann, diese innere Bewegung, Vertrauen in den Geist und Empathiefähigkeit. Dann kann jede Wunde, so schwer sie auch sein mag, als solches heilen. Gehen Sie mal innerlich, Sie hören jetzt erstmal so meine Worte und es geht auch ein Stück weit erstmal über den Intellekt - aber wenn Sie einfach so diesen einen Gedanken, ja das meiste vergisst man ja, was ein Vortragsredner sagt, das weiß man, das ist ganz normal - aber diesen einen Gedanken heute Abend in die Nacht mitnehmen oder innerlich weiter zu bewegen, einfach so mal zu überlegen, ja, meine Wunden oder Verletzungen, da ist immer eine Heilkraft aufgerufen worden. Und was muss ich vielleicht tun an inneren Schritten, damit das, was längst da ist, als solches auch wirken und heilen kann. Also, das ist 800 Jahre her, Wolfram von Eschenbach, ja, und sehr modern, sehr modern, ja, für unsere Gegenwart, für unser Menschsein überhaupt.
Ende des Vortragsauschnittes
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- „[…] Schmerzerleben ist aber zugleich eigentlich das Aufrufen einer Heilkraft und damit das wirken kann, diese innere Bewegung, Vertrauen in den Geist und Empathiefähigkeit.“ | Rheinheimer, M. Jede Wunde ruft eine Heilkraft auf, 2026, 00:19:09
- „Wenn Sie eine Wunde in der Hand haben, haben sich so geschnitten, es hat sich infiziert, dann blicken Sie eigentlich ins Innerste der Erde. Also wir sind eigentlich mit der Erde dann am innigsten verbunden mit unseren Wunden.“ | Rheinheimer, M. Jede Wunde ruft eine Heilkraft auf, 2026, 00:04:37
- „Es gibt ja vier Evangelisten, Matthäus, Markus, Lukas, Johannes. Und jedes erzählt die Geschichte ein bisschen anders […] Es ergänzt sich. Es gibt so eine Art Ur-Evangelium. Rudolf Steiner spricht sogar noch von einem „Fünften Evangelium“. | Rheinheimer, M. Jede Wunde ruft eine Heilkraft auf, 2026, 00:06:10
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- „Es gibt ja vier Evangelisten, Matthäus, Markus, Lukas, Johannes. Und jedes erzählt die Geschichte ein bisschen anders […] Es ergänzt sich. Es gibt so eine Art Ur-Evangelium. Rudolf Steiner spricht sogar noch von einem „Fünften Evangelium“.” | Rheinheimer, M. Jede Wunde ruft eine Heilkraft auf, 2026, 00:06:10
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- „[…] Schmerzerleben ist aber zugleich eigentlich das Aufrufen einer Heilkraft und damit das wirken kann, diese innere Bewegung, Vertrauen in den Geist und Empathiefähigkeit.“ | Rheinheimer, M. Jede Wunde ruft eine Heilkraft auf, 2026, 00:19:09
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- „[…] Schmerzerleben ist aber zugleich eigentlich das Aufrufen einer Heilkraft und damit das wirken kann, diese innere Bewegung, Vertrauen in den Geist und Empathiefähigkeit.“ | Rheinheimer, M. Jede Wunde ruft eine Heilkraft auf, 2026, 00:19:09
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- „Es gibt ja vier Evangelisten, Matthäus, Markus, Lukas, Johannes. Und jedes erzählt die Geschichte ein bisschen anders […] Es ergänzt sich. Es gibt so eine Art Ur-Evangelium. Rudolf Steiner spricht sogar noch von einem „Fünften Evangelium“" | Rheinheimer, M. Jede Wunde ruft eine Heilkraft auf, 2026, 00:06:10
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